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Stel­len Sie sich vor, der rote Pla­net wür­de in hel­le Flam­men auf­ge­hen. Tau­sen­de Atom­waf­fen explo­die­ren, Staub­wol­ken stei­gen auf, die Tem­pe­ra­tur steigt – zumin­dest in der Theo­rie. Die Idee, den Mars mit Nukle­ar­schlä­gen bewohn­bar zu machen, klingt wie ein Hol­ly­wood-Film. Doch sie ist nicht nur unrea­lis­tisch, sie lenkt von der wich­tigs­ten Fra­ge unse­rer Zeit ab:

Was, wenn wir statt­des­sen ein­fach die Erde retten?

Der rote Planet (Mars) geht in Flammen auf, Rauchwolken, Weltall im Hintergrund

Die Rechnung, die nicht aufgeht

Die Rech­nung ist schnell gemacht: Um die Durch­schnitts­tem­pe­ra­tur auf dem Mars um 50 Grad zu erhö­hen, bräuch­te man rund 5.000 Tsar-Bom­ben – die stärks­ten je gezün­de­ten Atom­waf­fen. Doch selbst dann wür­de nichts davon funk­tio­nie­ren. Der Mars hat kei­ne Magne­to­sphä­re, kaum Atmo­sphä­re und nur ein Sechs­tel des Erd­luft­drucks. Die Wär­me wür­de sofort wie­der ins Welt­all ent­wei­chen. Das Gas wäre zu dünn, um Wär­me zu hal­ten. Die Strah­lung wäre töd­lich. Und das alles für ein Pro­jekt, das Jahr­hun­der­te dau­ern wür­de – mit unge­wis­sem Ausgang.

Die gute Nachricht: Wir haben bereits den perfekten Planeten!

Die gute Nach­richt: Wir haben einen Pla­ne­ten, der bereits lebt. Und wir haben das Wis­sen und die Tech­nik, ihn zu schützen.

Statt also Tril­lio­nen in die Ter­ra­for­mung eines tosen­den Gesteins­bal­lens zu ste­cken, kön­nen wir hier und jetzt anfan­gen – mit Din­gen, die wir bereits haben:

  • Erneu­er­ba­re Ener­gien wie Solar und Wind sind inzwi­schen güns­ti­ger als Koh­le und Gas.
  • Elek­tro­mo­bi­li­tät rollt bereits auf unse­ren Stra­ßen – von Nor­we­gen bis nach China.
  • Kli­ma­freund­li­che Indus­trie­pro­zes­se für Stahl, Zement und Che­mie wer­den bereits erprobt.
  • Wäl­der, Moo­re und Mee­re spei­chern Mil­li­ar­den Ton­nen CO₂ – wenn wir sie schüt­zen und wiederherstellen.
  • Poli­tik und Wirt­schaft haben sich bereits auf Kli­ma­zie­le geei­nigt – von der EU bis zur Wall Street.

Die EU hat seit 1990 ihre Emis­sio­nen um mehr als ein Drit­tel gesenkt – bei gleich­zei­ti­gem Wirt­schafts­wachs­tum. Kali­for­ni­en hat bewie­sen, dass Kli­ma­schutz und Pro­spe­ri­tät Hand in Hand gehen. Und selbst Ama­zon hat sich ver­pflich­tet, bis 2025 mit 100 % erneu­er­ba­rer Ener­gie zu arbei­ten – und 100.000 elek­tri­sche Lie­fer­wa­gen auf die Stra­ße zu bringen.

Das ist kei­ne Zukunfts­mu­sik. Das ist Gegenwart.

Der größte Irrtum unserer Zeit

Der größ­te Irr­tum unse­rer Zeit ist der Glau­be, wir bräuch­ten einen „Plan B“.

Aber es gibt kei­nen zwei­ten Pla­ne­ten, den wir in abseh­ba­rer Zeit bewoh­nen kön­nen. Mars ist kein Aus­weich­quar­tier – er ist ein tosen­der, kal­ter Wüs­ten­pla­net. Die Erde hin­ge­gen ist ein leben­di­ges, atmen­des Sys­tem, das sich über Mil­li­ar­den Jah­re per­fekt auf uns ein­ge­stellt hat. Wir haben nicht die Tech­no­lo­gie, um einen neu­en Pla­ne­ten zu erschaf­fen. Aber wir haben die Tech­no­lo­gie, um unse­ren eige­nen zu retten.

Was wir tun müssen – und wie einfach das ist

Und das ist viel ein­fa­cher, als wir denken.

Es braucht kei­ne Wun­der – nur Ent­schlos­sen­heit. Es braucht kei­ne Sci­ence-Fic­tion – nur kon­se­quen­te Poli­tik. Es braucht kei­ne Rake­ten – nur Regen­wäl­der, Solar­fel­der und Windräder.

Was wir tun müs­sen? Nicht mehr. Nicht weniger.

  • Erneu­er­ba­re aus­bau­en – schnell, flä­chen­de­ckend und gerecht.
  • Fos­si­le Sub­ven­tio­nen stop­pen – und in Zukunfts­tech­no­lo­gien investieren.
  • Wäl­der und Moo­re schüt­zen – sie sind unse­re leben­den Kohlespeicher.
  • Kli­ma­ge­rech­tig­keit för­dern – für Men­schen im glo­ba­len Süden und in Industrienationen.
  • Wäh­len – und Poli­ti­ker wäh­len, die die Wis­sen­schaft ernst nehmen.

Die Zukunft ist nicht auf dem Mars – sie ist hier

Die Zukunft ist nicht auf dem Mars. Sie ist hier. Und sie beginnt heute.

Las­sen Sie uns nicht län­ger von fer­nen Wel­ten träu­men, wäh­rend unse­re eige­ne brennt. Las­sen Sie uns nicht auf Ret­tung von außen war­ten, son­dern Ver­ant­wor­tung für das Heu­te über­neh­men. Der Mars ist ein fas­zi­nie­ren­der Pla­net – aber er ist kein Zuhau­se. Die Erde ist es. Und sie war­tet nicht auf uns.

Also: Las­sen Sie uns sie ret­ten. Jetzt. Mit allem, was wir haben.

Quel­len:
[1] IPCC Sixth Assess­ment Report, 2023
[2] Euro­pean Envi­ron­ment Agen­cy – EU Emis­si­ons Trends
[3] Har­vard & NASA Stu­dy: Sili­ca Aero­gel for Mars Habi­tats (Natu­re Astro­no­my, 2019)
[4] Cali­for­nia Air Resour­ces Board – Cli­ma­te Pro­gress Report 2024
[5] Ama­zon Cli­ma­te Pledge, 2024
[6] IEA – Rene­wa­bles 2025 Report

Die­ser Arti­kel darf ger­ne geteilt wer­den – aber bit­te nicht ignoriert.

Nicht nur Nie­der­sach­sens Minis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil (SPD) ist „sehr unzu­frie­den mit der Ent­wick­lung bei den erneu­er­ba­ren Ener­gien“: Ich bin es auch! Eben­so wie ver­mut­lich vie­le ande­re Men­schen in Deutschland.

Wor­an das liegt? Zum einen sind wir dazu ver­dammt, ohn­mäch­tig dabei zuzu­schau­en, wie das von Peter Alt­mai­er (CDU) geführ­te BMWi die Ener­gie­wen­de ver­schleppt. Nicht genug damit: die dezen­tra­le Ener­gie­wen­de wird durch geeig­ne­te Maß­nah­men sogar aktiv ver­hin­dert!

Da ist es nicht wei­ter ver­wun­der­lich, wenn sich dies auch in mess­ba­ren Ergeb­nis­sen nie­der­schlägt, bei­spiels­wei­se im jähr­lich neu berech­ne­ten Kli­ma­schutz-Index (KSI), der einen Ver­gleich der Kli­ma­schutz­leis­tun­gen und Fort­schrit­te ein­zel­ner Län­der ermöglicht.

Klimaschutz-Index 2020 - Gesamtergebnis

Das Doku­ment beschei­nigt Deutsch­land „unein­heit­li­chen Leis­tun­gen in allen Kate­go­rien“ und man kommt des­halb zu einer „mäßi­gen Bewer­tung“.
In dem Bericht heißt es: „Die Treib­haus­gas­emis­sio­nen und der Ener­gie­ver­brauch pro Kopf blei­ben auf einem ver­gleichs­wei­se hohen Niveau und sin­ken nicht schnell genug, um das Land auf einen Emis­si­ons­pfad zu brin­gen, der für eine Begren­zung der Erd­er­wär­mung auf deut­lich unter 2°C not­wen­dig ist.

Wei­ter heißt es im Bericht: „Als Teil des Kli­ma­pa­kets hat die deut­sche Regie­rung 2019 ein Sys­tem zur CO2-Beprei­sung für 2021, Ver­bes­se­run­gen des öffent­li­chen Nah­ver­kehrs und ein Maß­nah­men­pa­ket zur Erhö­hung Erneu­er­ba­rer Ener­gien ange­kün­digt. Obwohl die Exper­tIn­nen die­se posi­ti­ven Signa­le hono­rie­ren, geben sie zu beden­ken, dass die Zie­le und vor­ge­se­he­nen Maß­nah­men noch nicht aus­rei­chen, um den not­wen­di­gen Bei­trag zu leis­ten die Erd­er­wär­mung auf deut­lich unter 2°C zu begren­zen. Die neu ange­kün­dig­ten Maß­nah­men rei­chen eben­falls nicht aus, um die Rück­schrit­te im Aus­bau der Erneu­er­ba­ren – ins­be­son­de­re bei der Wind­ener­gie im Bin­nen­land – aus­zu­glei­chen.

Klimaschutz: Keine Besserung in Sicht

Nun stammt das KSI-Doku­ment, aus dem ich zitiert habe, von Ende 2019. Ist inzwi­schen Bes­se­rung in Sicht?

Nein, das Gegen­teil ist der Fall: Der­zeit über­ho­len uns ande­re Län­der auf der gan­zen Welt  beim Kli­ma­schutz! Hier ein paar Mel­dun­gen der letz­ten Tage und Wochen:

Wohl­ge­merkt: Das sind ledig­lich eini­ge wahl­los her­aus­ge­grif­fe­ne Bei­spie­le für Umwelt- und Kli­ma­schutz­maß­nah­men, die in ver­schie­de­nen Län­dern unlängst ergrif­fen, bezie­hungs­wei­se beschlos­sen wur­den – was vor allem jene Zeit­ge­nos­sen Lügen straft, die nur all­zu ger­ne mit den Wor­ten "Ja, aber die ande­ren Län­der!" Fin­ger­poin­ting betreiben.

Und was macht Deutschland?

Immer­hin hat die Regie­rung es in die­sem Jahr geschafft, den 52-Giga­watt-Solar­de­ckel zu besei­ti­gen: Über einen ent­spre­chen­den Arti­kel im Erneu­er­ba­re-Ener­gien-Gesetz (EEG, § 49)  ist die Höhe der Ein­spei­se­ver­gü­tung für Pho­to­vol­ta­ik­an­la­gen bis zu einer Anla­gen­grö­ße von 750 Kilo­watt gere­gelt. Bis­her redu­zier­te sich die­se Ver­gü­tung bei Errei­chen von 52 GW  instal­lier­ter Leis­tung auf Null.
Die Abschaf­fung des Deckels ist zwar ein Schritt in die rich­ti­ge Rich­tung. Vor dem Hin­ter­grund der Sek­tor­kopp­lung ist aller­dings ein mas­si­ver Aus­bau erneu­er­ba­rer Ener­gien erfor­der­lich. Im Hin­blick auf Pho­to­vol­ta­ik­an­la­gen bestehen jedoch immer noch zahl­rei­che Hindernisse:

  • Der Aus­bau-Kor­ri­dor („atmen­der Deckel“) von der­zeit 2,5 GW muss auf min­des­tens 10 GW pro Jahr ange­ho­ben werden.
  • Damit ins­be­son­de­re auf 1-/2‑­Fa­mi­li­en-Häu­sern mög­lichst gro­ße PV-Anla­gen gebaut wer­den, muss die antei­li­ge EEG-Umla­ge auf selbst ver­brauch­ten Strom aus Anla­gen mit einer Leis­tung von mehr als zehn Kilo­watt abge­schafft wer­den. Die­se ist nach euro­päi­schen Recht ohne­hin für Anla­gen bis 30 kWp unzulässig.
  • Um den Zubau von Solar­parks zu beschleu­ni­gen, muss das jähr­li­che Aus­schrei­bungs­vo­lu­men  um ein Viel­fa­ches ange­ho­ben werden.
  • Um deut­lich mehr PV-Anla­gen auch auf die Dächer von Mehr­fa­mi­li­en­häu­sern zu bekom­men, muss das Mie­ter­strom­ge­setz ver­ein­facht wer­den: In sei­ner jet­zi­gen Form ver­hin­dert es näm­lich den Bau von PV-Anla­gen auf Immo­bi­li­en, bei denen der damit erzeug­te Strom von meh­re­ren Par­tei­en (Woh­nungs­ei­gen­tü­mer, Mie­ter) genutzt würde.

Ange­sichts die­ser vie­len offe­nen Bau­stel­len drängt sich die Fra­ge auf, ob und gege­be­nen­falls wel­che kon­kre­ten Vor­stel­lun­gen die Bun­des­re­gie­rung hin­sicht­lich der Ener­gie­wen­de hat.

Der konterkarierte Ausstieg von der Kohleverstromnung

Das Jahr 2020 hat im Hin­blick auf den Koh­le­aus­stieg bereits ganz schlecht begon­nen. So wur­de gleich im Janu­ar die Inbe­trieb­nah­me von Dat­teln IV, einem neu­en Koh­le­kraft­werk, beschlossen.

Kraftwerk Datteln IVDas neue Kraft­werk Dat­teln IV (Bild: Maschi­nen­jun­ge via Wiki­pe­dia)

Am kom­men­den Frei­tag soll nun das Gesetz zur Redu­zie­rung und zur Been­di­gung der Koh­le­ver­stro­mung und zur Ände­rung wei­te­rer Geset­ze beschlos­sen werden.

Mit dem Koh­le­EIN­stiegs­ge­setz wird die För­de­rung und Ver­stro­mung von Braun­koh­le für wei­te­re 18 Jah­re festgeschrieben!

Mit die­sem Gesetz wird – ent­ge­gen dem Geset­zes­ti­tel – ins­be­son­de­re die För­de­rung von Braun­koh­le und deren Ver­stro­mung für wei­te­re 18(!) Jah­re festgeschrieben!
Da über­rascht es nicht wei­ter, dass das Gesetz im Volks­mund inzwi­schen Koh­le­EIN­stiegs­ge­setz genannt wird.

Das alles zeigt, dass sich an der im KSI-Bericht beschrie­be­nen Situa­ti­on wohl auch in die­sem Jahr nichts ändern wird. Scha­de eigentlich!

Es steht außer Fra­ge, dass der Mensch in erheb­li­chem Maße zur Kli­ma­kri­se bei­trägt. Dage­gen müss­te drin­gend etwas unter­nom­men wer­den. Doch man­che Per­so­nen und Grup­pie­run­gen wol­len das gar nicht. Des­halb ver­zö­gern sie effek­ti­ve Maß­nah­men, wo immer dies mög­lich ist.
Eine Stu­die hat die Argu­men­te der Ver­zö­ge­rer unter­sucht und struk­tu­riert. Ich habe das Dia­gramm mit der Zusam­men­fas­sung ins Deut­sche übersetzt. 

Wei­ter­le­sen