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„Nuku­lar-Bros“ sehen bei Atom­kraft nur das Posi­ti­ve, igno­rie­ren das Nega­ti­ve und bie­gen sich die Rea­li­tät so zurecht, dass ihre Mei­nung immer stimmt. Eine Dis­kus­si­on auf Fak­ten­ba­sis ist mit ihnen des­halb sehr schwer. Es ist unwahr­schein­lich, dass sie ihre Mei­nung von allei­ne ändern.
Eine pseu­do­me­di­zi­ni­sche sati­ri­sche Analyse.

Die Spe­zi­es der Nuku­lar-Bros (Sub­spe­zi­es: Homo ener­ge­ti­cus proato­mic­us) lei­det ende­misch an Ratio con­fir­ma­to­ria, in vie­len Fäl­len mit Pro­gres­si­on zur Ratio con­fir­ma­to­ria gra­vis com­pli­ca­ta.

Klinisches Bild und Pathogenese:

Das Krank­heits­bild ist cha­rak­te­ri­siert durch eine signi­fi­kan­te Hypo­ak­ti­vi­tät prä­fron­ta­ler kor­ti­ka­ler Area­le, wel­che für kri­ti­sches Den­ken und ambi­gui­täts­to­le­ran­te Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung zustän­dig sind. Kom­pen­sa­to­risch zeigt sich eine patho­lo­gi­sche Hyper­re­agi­bi­li­tät des meso­lim­bi­schen Beloh­nungs­sys­tems (Nucleus Accum­bens und asso­zi­ier­te Struk­tu­ren) bei Expo­si­ti­on gegen­über reak­tor­spe­zi­fi­schen Erfolgs­mel­dun­gen. Die­ser neu­ro­bio­lo­gi­sche Dys­ba­lan­ce-Zustand indu­ziert eine aus­ge­präg­te Sko­to­mi­sie­rung wider­spre­chen­der Daten (patho­lo­gi­sche Neglekt-Sym­pto­ma­tik für nega­ti­ve Evi­denz) sowie eine ana­mnes­ti­sche Fokus­sie­rung auf Nar­ra­ti­ve des Zubaus und tech­no­lo­gi­sche Heils­ver­spre­chen. Es resul­tiert eine chro­ni­sche Rea­li­täts­per­zep­ti­ons­stö­rung mit selek­ti­ver Amne­sie für Stilllegungsfakten.

Fallbeispiel zur Veranschaulichung der Symptomatik:

Anamnestische Faktenlage (globale Erhebung, Zeitraum Anfang 2020 – Ende 2024):

  • Brut­to-Zubau an Atom­ener­gie­leis­tung: ca. 27,8 GW (ent­spricht der posi­ti­ven Sti­mu­lanz für das Belohnungssystem)
  • Gleich­zei­ti­ge Abschaltungen/​Stilllegungen: ca. 41,5 GW (Daten, die typi­scher­wei­se vom sko­to­mi­sier­ten Wahr­neh­mungs­feld erfasst, aber nicht pro­zes­siert werden)
  • Net­to-Bilanz: Ver­lust von ca. 13,7 GW Atom­ener­gie­leis­tung (Fak­tum, das aku­te kogni­ti­ve Dis­so­nanz aus­löst und daher meist ver­drängt wird)

Typische Verhaltensmanifestation bei Patienten mit Ratio confirmatoria:

Indi­vi­du­en mit dia­gnos­ti­zier­ter R.c. ampli­fi­zie­ren in ihrer Kom­mu­ni­ka­ti­on exklu­siv die 27,8 GW Zubau. Dies wird als Beweis für eine "glo­ba­le Renais­sance der Kern­ener­gie" fehl­in­ter­pre­tiert – eine Wahr­neh­mungs­ver­schie­bung, die durch die oben beschrie­be­ne Patho­phy­sio­lo­gie begüns­tigt wird.

Verteidigungsmechanismen und Rationalisierungen bei R.c. gravis complicata (der "Gegencheck" als Symptom-Cluster):

Die Kon­fron­ta­ti­on mit den eli­mi­nier­ten 41,5 GW und dem Net­to-Ver­lust von annä­hernd 14 GW führt nicht zur Reeva­lua­ti­on der eige­nen Posi­ti­on, son­dern zu cha­rak­te­ris­ti­schen sekun­dä­ren Sym­pto­men und Kompensationsstrategien:

  1. Abschal­tungs-Baga­tel­li­sie­rungs-Syn­drom (Mor­bus Nega­tio­nis Ato­mic­us): Die Still­le­gun­gen wer­den als "plan­mä­ßi­ge Außer­be­trieb­nah­me ver­al­te­ter, inef­fi­zi­en­ter Schrott­re­ak­to­ren" oder "rein poli­tisch moti­vier­te, irra­tio­na­le Ent­schei­dun­gen ideo­lo­gie­ge­trie­be­ner Akteu­re" dekla­riert und somit als irrele­van­te Stör­grö­ße aus dem kogni­ti­ven Bezugs­rah­men exkludiert.
  2. Zukunfts-Glo­ri­fi­zie­rungs-Kom­pen­sa­ti­on (Hyper­phan­ta­sia Tech­no­lo­gi­ca): Die aktu­el­le nega­ti­ve Net­to­bi­lanz wird durch exzes­si­ve, oft unkri­ti­sche Ver­wei­se auf noch nicht markt­rei­fe Small Modu­lar Reac­tors (SMRs), unrea­lis­tisch beschleu­nig­te Bau­zeit­pro­gno­sen für Groß­pro­jek­te oder gar die pro­spek­ti­ve, jedoch spe­ku­la­ti­ve Potenz der Fusi­ons­en­er­gie kom­pen­siert. Die­se "Was-wäre-wenn-Nar­ra­ti­ve" die­nen der Auf­recht­erhal­tung des posi­ti­ven Selbst­bil­des und der Abwehr der dis­so­nan­ten Realität.
  3. Sta­tis­tik-Rela­ti­vie­rungs-Manö­ver (Dys­kal­ku­lia Sel­ec­ti­va): Es wird argu­men­tiert, dass der Net­to­ver­lust "im glo­ba­len Maß­stab mar­gi­nal" sei oder dass "die wirk­lich ent­schei­den­den, zukunfts­wei­sen­den Pro­jek­te ja erst noch ans Netz gehen". Beliebt ist auch der Ver­weis auf "höhe­re Kapa­zi­täts­fak­to­ren neue­rer Anla­gen", um von der abso­lu­ten Reduk­ti­on der instal­lier­ten Leis­tung abzulenken.
  4. Schuldex­ter­na­li­sie­rung und Pro­jek­ti­ons-Patho­lo­gie: Die Ver­ant­wor­tung für den Net­to­ver­lust und die wahr­ge­nom­me­nen Pro­ble­me der Nukle­ar­in­dus­trie (Kos­ten­ex­plo­sio­nen, Bau­zeit­ver­län­ge­run­gen, Akzep­tanz­de­fi­zi­te) wird sys­te­ma­tisch exter­nen Fak­to­ren ("feind­se­li­ge Medi­en­kam­pa­gnen", "über­bor­den­de Büro­kra­tie", "Sabo­ta­ge durch Erneu­er­ba­re-Lob­by­is­ten und deren Wind­wahn-Pro­pa­gan­da") zuge­schrie­ben, anstatt sys­tem­im­ma­nen­te Her­aus­for­de­run­gen anzuerkennen.

Zur Ätiologie und Frühdiagnostik der Ratio Confirmatoria (var. Steingartii)

Der Ver­fas­ser ver­weist auf eine bereits im Jah­re 2020 doku­men­tier­te Kasu­is­tik (Fall G.S.), wel­che die nun voll aus­ge­präg­te Sym­pto­ma­tik der selek­ti­ven Evi­denz-Sko­to­mi­sie­rung – nament­lich die patho­lo­gi­sche Negli­genz gegen­über umfang­rei­chen Still­le­gungs­da­ten bei gleich­zei­ti­ger Hyper­fo­kus­sie­rung auf ein­sei­ti­ge Zubau-Nar­ra­ti­ve ("Renais­sance") – exem­pla­risch vorwegnahm.

Klinisches Fazit: Der Ratio-resistente Patient

Die­se kom­ple­xe Sym­pto­ma­tik macht eine evi­denz­ba­sier­te Dis­kus­si­on über die tat­säch­li­che Rol­le der Atom­ener­gie im glo­ba­len Ener­gie­mix extrem schwie­rig und führt zu einer chro­ni­schen Des­in­for­ma­ti­ons­la­ge im öffent­li­chen Dis­kurs. Die Pro­gno­se für eine Spon­tan­hei­lung der R.c. gra­vis com­pli­ca­ta gilt als infaust; the­ra­peu­ti­sche Inter­ven­tio­nen erwei­sen sich oft als frus­tran und beschrän­ken sich meist auf psy­cho­edu­ka­ti­ve Maß­nah­men mit gerin­ger Com­pli­ance sei­tens der Betrof­fe­nen, was die Auf­recht­erhal­tung des patho­lo­gi­schen Zustands im Kol­lek­tiv wei­ter begünstigt.

Vor weni­gen Tagen hat Gabor Stein­gart sei­ne Mei­nung zum The­ma Kern­ener­gie verbreitet.
Ich habe mir Stein­garts Bei­trag durch­ge­le­sen und lie­fe­re hier eini­ge wich­ti­ge, ergän­zen­de Tat­sa­chen. Damit sich dann jeder nach Kennt­nis ALLER Fak­ten eine eige­ne Mei­nung bil­den kann.

Wei­ter­le­sen

Der­zeit wird ja aller­orts vor der angeb­lich dro­hen­den Black­out-Gefahr gewarnt. In die­sem Zusam­men­hang ist auch ger­ne von der „geschei­ter­ten Ener­gie­wen­de“ die Rede und der deut­sche Atom­aus­stieg wird wie­der thematisiert.

Auch Roland Tichy, Grün­der der neu­rech­ten Platt­form Tichys Ein­blick, dis­ku­tiert in einer Fol­ge sei­nes Talk-For­mats Tichys Aus­blick Talk („Ener­gie­wen­de aus­ge­träumt – droht jetzt der Black­out?“) mit sei­nen Gäs­ten über all die­se Themen.
Ich habe mir das des­halb ange­schaut und räu­me nach­fol­gend mit eini­gen der in die­sem Video bespro­che­nen Nar­ra­ti­ve auf, die auch an ande­ren Stel­len ger­ne pro­pa­giert werden.

Das in allen Talk-Sen­dun­gen von Tichy gewähl­te Set­ting (in einer Hotel-Suite) hat für mich rein optisch immer etwas von einem kon­spi­ra­ti­ven Tref­fen. Also im Sin­ne von einer Knei­pe, in der im Hin­ter­zim­mer irgend­wel­che Kun­ge­lei­en ablau­fen – und wir Zuschau­er dür­fen exklu­siv Zeu­gen sein. Wer sich selbst ein Bild machen möch­te: am Ende des Bei­trags befin­det sich der Link zum Video. Für das Text­ver­ständ­nis ist das jedoch unwich­tig. Man muss sich das also nicht zwin­gend anschauen.

Die­ser Bei­trag behan­delt fol­gen­de The­men und Fra­ge­stel­lun­gen, die auch in der Sen­dung ange­spro­chen werden:

Tichys Gäste

Wie immer, stellt Roland Tichy zunächst die Gäs­te der jewei­li­gen Sen­dung vor. Wer sitzt da also mit am Tisch?

Prof. Dr. Fritz Vah­ren­holt war Umwelt­se­na­tor in Ham­burg, wech­sel­te dann in die Ener­gie­wirt­schaft (zuerst zur deut­schen Toch­ter des Öl- und Gas­kon­zerns Shell, dann als Vor­stands­chef zu einem Wind­kraft­an­la­gen-Her­stel­ler, zuletzt zur Öko­strom­spar­te von RWE). Danach mach­te er einen selt­sa­men Wan­del zum Kli­ma­fak­ten­leug­ner durch.
Tichy weist im Rah­men von Vah­ren­holts Vor­stel­lung dar­auf hin, dass Vah­ren­holt „die deut­sche Wild­tier­stif­tung groß gemacht hat“.
Was Tichy nicht sagt, rei­che ich der Voll­stän­dig­keit hal­ber an die­ser Stel­le nach: eben­die­se Wild­tier­stif­tung hat sich 2019 von Vah­ren­holt getrennt, wegen „unter­schied­li­cher Vor­stel­lun­gen über die Posi­tio­nie­rung der Stif­tung in der aktu­el­len kli­ma­po­li­ti­schen Dis­kus­si­on“. Nunja…

Albert Duin ist Unter­neh­mer, FDP-Poli­ti­ker und seit Okto­ber 2018 baye­ri­scher Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter. Er ist außer­dem Mit­glied von Nukle­a­ria e. V. Der Ver­ein pro­pa­giert die Nut­zung der Atom­ener­gie als wesent­li­chen Bestand­teil der Ener­gie­ver­sor­gung, da er Erneu­er­ba­re Ener­gien als nicht aus­rei­chend und unzu­ver­läs­sig ansieht. Er arbei­tet auf eine Revi­son des Atom­aus­stiegs hin, damit der Bau und Betrieb neu­er Reak­to­ren mög­lich wird.

Frank Hen­ning, Diplom­in­ge­nieur für Kraft­werks­an­la­gen und Ener­gie­um­wand­lung, war vie­le Jah­re in Koh­le­kraft­wer­ken eines gro­ßen Ver­sor­gers beschäf­tigt (u. A. Jänsch­wal­de) und schreibt heu­te Bücher (Dun­kel­flau­te", ) und auch für Tichys Ein­blick, zum Bei­spiel die Serie "ABC des Ener­gie­wen­de- und Grün­sprech". Was er von der Par­tei DIE GRÜNEN und der Ener­gie­wen­de im Spe­zi­el­len hält, dürf­te damit klar sein.

Zwi­schen den Gäs­ten ent­wi­ckelt sich – von Tichy mode­riert – ein Gespräch auf Stamm­tisch-Niveau: da wer­den mun­ter Anek­do­ten, Fak­ten und Fik­ti­on ver­mischt und unbe­leg­te Tat­sa­chen­be­haup­ten in den Raum gestellt.
Da es sich um ein You­Tube-For­mat han­delt, wäre es für Tichy ein leich­tes, ein Facts­heet mit­zu­lie­fern, wie zum Bei­spiel der Video-Blog­ger Rezo das macht. Aber das ist wohl aus gutem Grund nicht gewollt, denn dann wür­den schnell die Umge­reimt­hei­ten bei den Gesprächs­in­hal­ten offensichtlich.
Macht aber nix: ich rei­che das hier­mit ger­ne nach.

Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie

Vah­ren­holt ist ange­sichts stei­gen­der Ener­gie­prei­se besorgt um die Wett­be­werbs­fä­hig­keit der mit­tel­stän­di­schen und der ener­gie­in­ten­si­ven Indus­trie. Er stellt fest, dass es für Roh­stof­fe wie Kup­fer, Stahl und Alu­mi­ni­um einen Welt­markt­preis gibt und sieht ein Pro­blem wegen der aktu­el­len Ener­gie­preis­stei­ge­run­gen hier­zu­lan­de. Als Begrün­dung führt er die der­zei­ti­ge Ver­drei­fa­chung des Gas­prei­ses an (Hal­lo? Ist das etwa kein Welt­markt­preis?) sowie den „dra­ma­ti­schen Anstieg des CO₂-Prei­ses“ (gemeint ist hier der Preis für EU-ETS-Zertifikate).
Uner­wähnt lässt er aller­dings den am 14. Juli 2021 von der EU beschlos­se­nen und ab 2026 gül­ti­gen Mecha­nis­mus zur Anpas­sung der CO2-Gren­ze, den „Car­bon Bor­der Adjus­t­ment Mecha­nism“ (CBAM). Der CBAM wird den CO2-Preis zwi­schen ein­hei­mi­schen Pro­duk­ten und Impor­ten anglei­chen und sicher­stel­len, dass die Kli­ma­zie­le der EU nicht durch Pro­duk­ti­ons­ver­la­ge­run­gen in Län­der mit weni­ger ehr­gei­zi­ger Poli­tik unter­gra­ben werden.
Vah­ren­holts Sor­gen sind also höchs­tens von tem­po­rä­rer Natur, denn die Lösung ist sei­tens der EU bereits beschlossen.

Steht uns ein „Klima-Lockdown“ bevor?

Im Anschluss kommt Vah­ren­holt auf das „außer­or­dent­lich schwa­che Wind­jahr“ zu sprechen.
Er erwar­tet, dass es vor dem Hin­ter­grund der bevor­ste­hen­den Abschal­tun­gen von Koh­le- und Kern­kraft­werk zu einer „Strom­man­gel­wirt­schaft“ kommt und zu „Abschal­tun­gen, weil es nicht zu jeder Zeit Ver­sor­gungs­si­cher­heit geben kann“. Die Argu­men­ta­ti­ons­li­nie gip­felt dann in einem auf­ge­reg­ten „Kli­ma-Lock­down“. Aber wie rea­lis­tisch ist das?

Die Pro­g­nos AG beant­wor­tet die­se Fra­ge in der Kurz­stu­die Kli­ma­neu­tra­li­tät und Ver­sor­gungs­si­cher­heit im Strom­markt. Das Fazit der Kurz­stu­die lautet:

Die Sze­na­ri­en von KNDE [Anm.: Stu­die Kli­ma­neu­tra­les Deutsch­land] wei­sen bis 2030 und dar­über hin­aus eine hohe Ver­sor­gungs­si­cher­heit auf dem Strom­markt auf. Dies geht zum einen aus den Strom­markt­mo­del­lie­run­gen von Pro­g­nos AG her­vor. Zum ande­ren geht dies eben­falls aus einem Ver­gleich der Ein­gangs­pa­ra­me­ter mit der detail­lier­ten Unter­su­chung von r2b et al (2019) hin­sicht­lich der Ver­sor­gungs­si­cher­heit auf dem Strom­markt her­vor. Die Ver­sor­gungs­si­cher­heit auf dem Strom­markt wird bei einem ambi­tio­nier­ten Ener­gie­wen­de-Sze­na­rio ins­be­son­de­re durch eine Fle­xi­bi­li­sie­rung der Nach­fra­ge über neue Strom­ver­brau­cher, das hohe Maß an euro­päi­schen Aus­tausch­ka­pa­zi­tä­ten sowie durch den Auf­bau regel­ba­rer Kraft­werks­leis­tung ermöglicht.

Kurz­um: Es gibt kein Pro­blem, sofern die neue Regie­rung für Demand Side Manage­ment (DSM), euro­päi­sche Aus­tausch­ka­pa­zi­tä­ten und regel­ba­rer Kraft­werks­leis­tung sorgt (und natür­lich den Aus­bau Erneu­er­ba­rer Ener­gien beschleu­nigt). Was übri­gens die bis­he­ri­ge Regie­rung bereits hät­te machen können!

Wenn man im Hin­blick auf die­se Zukunft von regel­ba­rer Kraft­werks­leis­tung spricht, geht es regel­mä­ßig um Gas­kraft­wer­ke – egal, ob die­se nun mit Bio­gas, Erd­gas, bezie­hungs­wei­se spä­ter mit Was­ser­stoff betrie­ben wer­den. Da im wei­te­ren Ver­lauf der Dis­kus­si­ons­run­de der Preis­aspekt ange­spro­chen wird, sei bereits an die­ser Stel­le ange­merkt, dass auch das kein Pro­blem dar­stellt: füh­ren­de Exper­ten auf dem Gebiet (Prof. Huber, TU Mün­chen und Mar­co Wünsch von der Pro­g­nos AG) sind sich einig, dass die Kos­ten für ent­spre­chen­de „Gas-Pea­k­er“, also Gas-Kraft­wer­ke, die nur in Aus­nah­me­si­tua­tio­nen lau­fen, umge­legt auf die Kilo­watt­stun­de Strom 0,5 Cent nicht übersteigen:

Verfügbarkeit von Kernkraftwerken

Kom­men wir zum nächs­ten High­light: Albert Duin und die Kern­kraft, ins­be­son­de­re deren Ver­füg­bar­keit. Klar, als Nukle­a­ria-Mit­glied (war­um schrei­tet er eigent­lich nicht ein, als Tichy sich abfäl­lig über Nukle­a­ria äußert?) muss er natür­lich das The­ma Ver­füg­bar­keit, bezie­hungs­wei­se Voll­last­stun­den pro Jahr bringen.
Unter ande­rem das von ihm ange­führ­te „biss­chen Reno­vie­rung und biss­chen Ser­vice­zei­ten“ sorgt aller­dings dafür, dass die deut­schen Kern­kraft­wer­ke eine Ver­füg­bar­keit von weni­ger als 90% haben, resul­tie­rend in 7.700 Voll­last­stun­den pro Jahr (Zah­len aus 2018) statt der maxi­mal mög­li­chen und im Bei­trag genann­ten 8.760 Stunden.

Hier eine ent­spre­chen­de gra­fi­sche Dar­stel­lung (Quel­le: DIW):

Hin­zu kommt: Zuneh­men­de Hit­ze­som­mer mit dar­aus fol­gen­den nied­ri­gen Fluss­pe­geln und zu war­mes Fluss­was­ser haben bereits in der Ver­gan­gen­heit dazu geführt, dass Kern­kraft­wer­ke in Ihrer Leis­tung gedros­selt oder sogar kom­plett abge­schal­tet wer­den muss­ten.  Die abseh­ba­ren Ent­wick­lun­gen wer­den zukünf­tig die Ver­füg­bar­keit und Leis­tung deut­scher Kern­kraft­wer­ke wei­ter redu­zie­ren.

Ein wei­te­res Pro­blem ist das zuneh­men­de Alter der ver­blie­be­nen deut­schen Mei­ler. Die­ses redu­ziert nicht nur die Ver­füg­bar­keit, son­dern sorgt auch für ein erhöh­tes Sicher­heits­ri­si­ko. Ein Beleg dafür sind etwa die Pro­ble­me mit den Dampf­erzeu­ger­heiz­roh­ren im Kern­kraft­werk Neckar­west­heim.

Kurz­um: Die Ver­füg­bar­keit der ver­blie­be­nen deut­schen Kern­kraft­wer­ke ist lan­ge nicht so hoch, wie Albert Duin sug­ge­rie­ren möch­te und wür­de zukünf­tig aus ver­schie­de­nen Grün­den wei­ter abnehmen.

Sagt der IPCC wirklich „Deutschland braucht Kernenergie“?

Es folgt der Auf­tritt von Frank Hen­ning: Nach­dem er der Poli­tik eine „beson­de­re Form der Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung“ unter­stellt, bringt er in die­ser Run­de die Spra­che auf den IPCC, also den Welt­kli­ma­rat. Es wird auch in die­ser Run­de das Argu­ment bemüht „Der IPCC sagt, wir brau­chen Kernenergie“.
Gefühlt höre ich das zum 100. mal. Aber auch, wenn man eine Lüge hun­dert Mal wie­der­holt, wird sie davon nicht wahr!

Es geht um den Bericht AR5 Cli­ma­te Chan­ge 2014: Miti­ga­ti­on of Cli­ma­te Chan­ge, Kapi­tel 7 (2014) und den in 2018 erschie­ne­nen Son­der­be­richt über 1,5 °C glo­ba­le Erwär­mung (SR1.5), Kapi­tel 2. Kon­kret geht es dar­um, wie die Emis­sio­nen bis Mit­te des Jahr­hun­derts auf Null gesenkt wer­den können.
Hier wird von Atom­kraft-Befür­wor­tern regel­mä­ßig eine Gra­fik und Text­pas­sa­gen ins Spiel gebracht, die angeb­lich auf­zei­gen sol­len, dass "in allen Sze­na­ri­en Kern­kraft aus­ge­baut wird". Genau das ist aber nicht der Fall!
Eine ent­spre­chen­de Text­pas­sa­ge (aus SR 1.5) lau­tet wie folgt:

Nuclear power increa­ses its share in most 1.5°C pathways with no or limi­t­ed over­shoot by 2050, but in some pathways both the abso­lu­te capa­ci­ty and share of power from nuclear gene­ra­tors decrease (Table 2.15). The­re are lar­ge dif­fe­ren­ces in nuclear power bet­ween models and across pathways (Kim et al., 2014; Rogelj et al., 2018). One of the reasons for this varia­ti­on is that the future deploy­ment of nuclear can be cons­trai­ned by socie­tal pre­fe­ren­ces assu­med in nar­ra­ti­ves under­ly­ing the pathways (O’Neill et al., 2017; van Vuuren et al., 2017b). Some 1.5°C pathways with no or limi­t­ed over­shoot no lon­ger see a role for nuclear fis­si­on by the end of the cen­tu­ry, while others pro­ject about 95 EJ yr−1 of nuclear power in 2100 (Figu­re 2.15).

Über­setzt bedeu­tet das, dass die meis­ten Ent­wick­lungs­pfa­de zu einem Aus­bau der Kern­ener­gie füh­ren, man­che jedoch zu einer Abnah­me. Als einer der Grün­de wer­den "gesell­schaft­li­che Prä­fe­ren­zen" angegeben.
Inter­es­sant ist auch noch der Hin­weis, dass in man­chen Ent­wick­lungs­pfa­de gegen Ende des Jahr­hun­derts gar kei­ne Kern­spal­tung mehr vorkommt.

Zu beach­ten ist fer­ner, dass es sich bei den IPCC-Sze­na­ri­en immer um eine glo­ba­le Betrach­tung han­delt, also über alle Län­der hin­weg. Offen­sicht­lich haben sich man­che Län­der für den Ein­satz von Kern­kraft ent­schie­den, ande­re dage­gen (dar­un­ter auch Deutsch­land). Bei­des wider­spricht nicht den Aus­sa­gen des IPCC. Wer das also vor­sätz­lich kon­stru­ie­ren will,… führt gewiss etwas im Schilde!

Der IPCC for­dert an kei­ner Stel­le, dass Deutsch­land an Kern­ener­gie fest­hal­ten oder gar Kern­kraft­wer­ke bau­en muss.

Nordstream II „um Deutschland herumführen“?

Nun geht es etwas the­ma­tisch durch­ein­an­der, ich ver­su­che das mal zu sortieren.
Zunächst stellt Vah­ren­holt die The­se in den Raum, dass man die Erd­gas-Pipe­line Nord­stream II um Deutsch­land her­um­füh­ren müs­se, wenn man in Deutsch­land kein Erd­gas nut­zen will – was offen­sicht­lich völ­li­ger Quatsch ist.
Fer­ner pos­tu­liert er, dass wir „mit dem Ver­bren­nen des gesam­ten Gases die­ser Pipe­line 100 Mio. Ton­nen CO₂ pro­du­zie­ren“ wür­den. Das Pro­blem dar­an: nie­mand will das! Das Gas aus Nord­stream II wür­de viel­mehr an Ver­brau­cher in ganz Euro­pa geliefert.

CO₂-Abscheidung ist in Deutschland verboten – und das aus gutem Grund!

Vah­ren­holt möch­te CCS (Car­bon Cap­tu­re & Sto­rage, Koh­len­stoff­ab­schei­dung und ‑spei­che­rung) in fos­si­le Kraft­wer­ke ein­bau­en. Das ist jedoch aus meh­re­ren Grün­den nicht sinnvoll.
Zum einen dient die­se Tech­no­lo­gie der Ver­län­ge­rung der Nut­zung fos­si­ler Brenn­stof­fe, was aus offen­sicht­li­chen Grün­den nicht sinn­voll ist: wir müs­sen davon kom­plett weg!
Ande­rer­seits lässt sich damit laut Wis­sen­schaft­lern eine Abschei­dungs­ra­te von 65–80 Pro­zent errei­chen. CCS in fos­si­len Kraft­wer­ken bedeu­tet also nicht, dass die gesam­ten CO₂-Emis­sio­nen abge­schie­den werden.

Im Übri­gen ist die CCS-Tech­no­lo­gie auch nicht aus­ge­reift. Das kann man sehr schön beim Gor­gon-Pro­jekt in Aus­tra­li­en sehen: Als Che­vron die Geneh­mi­gung für sei­ne 54 Mil­li­ar­den Dol­lar teu­re Gor­gon-Flüs­sig­gas­an­la­ge erhielt, ver­sprach das Unter­neh­men, 100 Mil­lio­nen Ton­nen Treib­haus­gas­emis­sio­nen in einer der welt­weit größ­ten CCS-Anla­gen zu speichern.
5 Jah­re spä­ter, im Juli 2021, muss­te Che­vron, das Gor­gon zusam­men mit Exxon­Mo­bil, Roy­al Dutch Shell und einer Rei­he japa­ni­scher Kon­zer­ne betreibt, ein­ge­ste­hen, dass es die Anfor­de­run­gen, 80 Pro­zent der in den ers­ten fünf Betriebs­jah­ren anfal­len­den Emis­sio­nen weg­zu­sper­ren, nicht erfüllt hat.
Che­vron mach­te tech­ni­sche Her­aus­for­de­run­gen und eine drei­jäh­ri­ge Ver­zö­ge­rung der CCS-Ope­ra­tio­nen ver­ant­wort­lich, erklär­te jedoch, dass das Unter­neh­men mit der Injek­ti­on von 5 Mio. Ton­nen CO2-Äqui­va­lent in rie­si­ge Sand­stein­be­cken unter Bar­row Island vor West­aus­tra­li­en seit 2019 einen „bedeu­ten­den Mei­len­stein“ erreicht habe.

Noch ein paar Wor­te zum Ein­satz in Deutsch­land: CCS wer­den wir in der Zukunft in nicht oder nur schwer dekar­bo­ni­sier­ba­ren Berei­chen (Müll­ver­bren­nung, Zement, Che­mie) gewiss brau­chen. Da die Tech­no­lo­gie aber auch Ener­gie benö­tigt, ist es sinn­voll, die­se erst dann ein­zu­set­zen, wenn die Strom­erzeu­gung nahe­zu voll­stän­dig dekar­bo­ni­siert ist.

Wei­te­re aus­führ­li­che Infor­ma­tio­nen zum The­ma sind auf die­ser Sei­te des Umwelt­bun­des­am­tes zu finden.

Inter­es­sant ist in die­sem Zusam­men­hang auch das Umwelt­gut­ach­ten 2020 des Sach­ver­stän­di­gen­rats für Umwelt­fra­gen (Umwelt­rat), in dem ver­schie­de­ne Ver­fah­ren zur Erzie­lung nega­ti­ver Emis­sio­nen aus­führ­lich dis­ku­tiert wer­den (S. 62ff.):

SRU - CCS

CCS ist also der­zeit aus gutem Grund ver­bo­ten. Die Tech­no­lo­gie kann jedoch mög­li­cher­wei­se zu einem spä­te­ren Zeit­punkt sinn­voll sein.

Vahrenholt versteht den CO₂-Preis nicht

Vah­ren­holt kon­sta­tiert, dass sich bei einem CO₂-Preis von 195 €/​t der Strom­preis ver­drei­facht. Das ist völ­li­ger Quatsch!
Der deut­sche Strom­preis ist aus­schließ­lich von Zer­ti­fi­ka­ten des EU-ETS abhän­gig. Der Preis für ein sol­ches Zer­ti­fi­kat liegt der­zeit (Mit­te Okto­ber) bei ca. 60 Euro (Quel­le). Bis hier­her liegt Vah­ren­holt also richtig.
Wenn aber laut Vah­ren­holt „DIE GRÜNEN und Frau Neu­bau­er 195 Euro pro Ton­ne CO₂“ for­dern (Wo tun sie das? Ich kann jeden­falls kei­ne Quel­le dafür fin­den!), kann sich das nur auf den natio­na­len Zer­ti­fi­ka­te­han­del bezie­hen. Denn nur hier wird der Zer­ti­fi­kats­preis von der Bun­des­po­li­tik bestimmt. Der natio­na­len Zer­ti­fi­ka­te­han­del ist im Brenn­stoff­emis­si­ons­han­dels­ge­setz  (BEHG) gere­gelt und betrifft Emis­sio­nen, die eben nicht dem euro­päi­schen Emis­si­ons­han­del unter­lie­gen. Und damit hat er auch kei­ner­lei Ein­fluss auf den Strompreis!
Das Umwelt­mi­nis­te­ri­um erklärt es so:

Der im Janu­ar 2021 neu in Kraft getre­te­ne natio­na­le Zer­ti­fi­ka­te­han­del umfasst grund­sätz­lich alle in Ver­kehr gebrach­ten fos­si­len Brenn­stof­fe, also vor allem Ben­zin, Die­sel, Heiz­öl und Erd­gas. Der CO2-Preis betrifft somit ins­be­son­de­re die Berei­che Wär­me (Gebäu­de) und Ver­kehr. Für gro­ße Tei­le der Indus­trie und die Ener­gie­wirt­schaft gibt es mit dem Euro­päi­schen Emis­si­ons­han­del (EU-ETS) bereits einen Preis für den Aus­stoß von CO2. Die vom ETS umfass­ten Unter­neh­men sind folg­lich vom natio­na­len Zer­ti­fi­ka­te­han­del nicht betroffen.

Will man Emis­sio­nen wirk­lich ver­ur­sa­cher­ge­recht beprei­sen (und was soll­te bit­te­s­ehr dage­gen spre­chen?), sind die von Vah­ren­holt genann­ten 195 €/​t übri­gens noch deut­lich zu wenig: Rea­lis­tisch erscheint laut Umwelt­bun­des­amt ein Preis in Höhe von 680 €/​t.

Ein wei­te­rer Aspekt, den Vah­ren­holt geflis­sent­lich ver­schweigt: die meis­ten Par­tei­en, die einen höhe­ren CO2-Preis for­dern, for­dern gleich­zei­tig ein Klimageld/​eine Kli­ma­prä­mie. Das bedeu­tet, dass ein­ge­nom­me­ne Geld wird wie­der aus­ge­schüt­tet, und zwar pau­schal pro Kopf. Dadurch möch­te man gera­de die von Vah­ren­holt ange­pran­ger­ten Zumu­tun­gen an Arbeit­neh­mer und Bür­ger ver­mei­den, sofern deren Emis­sio­nen auf einem nor­ma­len Niveau lie­gen: Wer wenig emit­tiert, bekommt etwas her­aus. Wer viel emit­tiert, zahlt drauf.

Der EU-ETS-Zer­ti­fi­ka­te­han­del und der natio­na­le CO₂-Zer­ti­fi­ka­te­han­del sind zwei völ­lig unter­schied­li­che Sys­te­me und völ­lig unab­hän­gig voneinander.

Verfehlte Energiepolitik

Es wäre lus­tig, wenn es nicht so trau­rig wäre! Was ich mei­ne: das Jam­mern, dass Koh­le­kraft­wer­ke nach dem Kern­ener­gie­aus­stieg wei­ter­be­trie­ben wer­den. Wo waren denn die­se Stim­men, als die Gro­ße Koali­ti­on aus CDU und SPD ab 2011 beim Aus­bau der Erneu­er­ba­ren Ener­gien mas­siv auf die Brem­se getre­ten haben? Dabei ging es doch letzt­end­lich um Pro­tek­tio­nis­mus, näm­lich von RWE & Co. Das kön­nen wir heu­te auch an vie­len ande­ren Hand­lun­gen fest­ma­chen.

Das hat gekos­tet, näm­lich zwi­schen 2011 und 2019 nach­weis­lich 117.000 Arbeits­plät­ze.
Es hat zudem dazu geführt, dass heu­te der Aus­bau von Pho­to­vol­ta­ik- und Wind­ener­gie­an­la­gen nicht wei­ter fort­ge­schrit­ten ist.

Was wir heu­te sehen, ist also das Ergeb­nis der ver­fehl­ten Ener­gie­po­li­tik in den letz­ten zehn Jahren!

Der Flächenbedarf von Windkraftanlagen

Vah­ren­holt möch­te uns ein­re­den, dass auf­grund einer unsin­ni­gen Flä­chen­be­rech­nung heu­te nicht 0,9% der Flä­che der BRD mit WKA bebaut sind, son­dern bereits 5%. Das ist ein­fach nur lächerlich!
Bei der Flä­chen­be­rech­nung im Zusam­men­hang mit Wind­ener­gie­an­la­gen (WEA) legt man für jede WEA eine Ellip­se zu Grun­de, die aus dem 5‑fachen Rotor­durch­mes­ser in Haupt­wind­rich­tung und dem 3‑fachen Rotor­durch­mes­ser in Neben­wind­rich­tung gebil­det wird. Das Ver­fah­ren ist detail­liert in die­sem Doku­ment des Umwelt­bun­des­am­tes beschrie­ben (Kap. 4.1).

Die Aus­sa­ge „Heu­te sind 0,9% der Flä­che der BRD mit Wind­ener­gie­an­la­gen bebaut“ ist korrekt. 

Strombedarf 2050

Es geht auf dem Niveau wei­ter: laut Vah­ren­holt brau­chen wir gegen­über heu­te "die 10-fache Men­ge Strom" (wegen Sek­tor­kopp­lung). Nun, der Strom­ver­brauch heu­te (2020) beträgt 488,4 TWh. Lt. Vah­ren­holt wür­den wir also am Ende 4.884 TWh benö­ti­gen (und des­halb 50 Pro­zent der Lan­des­flä­che mit Wind­ener­gie­an­la­gen zu bau­en). Ist das realistisch?

Ein Bei­spiel: Die Stu­die Wege zu einem kli­ma­neu­tra­len Ener­gie­sys­tem des Fraun­ho­fer-Insti­tuts für Sola­re Ener­gie­sys­te­me kommt – je nach Sze­na­rio – auf einen Bedarf zwi­schen 1750 TWh und 2500 TWh. Ande­re Stu­di­en lie­gen zum Teil deut­lich dar­un­ter. Wir benö­ti­gen also ein mehr­fa­ches an Strom, jedoch kei­nes­falls die 10-fache Menge.
Bei der Sek­tor­kopp­lung erset­zen wir fos­si­le Ener­gie­trä­ger durch Strom, also Wär­me­pum­pe statt Öl-/Gas­heiz­kes­sel, Elek­tro­au­tos statt Ver­bren­nungs­mo­to­ren, usw. Das führt zu erheb­li­chen Effi­zi­enz­ge­win­nen, da Wär­me­ver­lus­te ver­mie­den wer­den. Im Ergeb­nis müs­sen wir viel weni­ger Ener­gie impor­tie­ren! Zur Ein­ord­nung: Deutsch­land gibt heu­te zwi­schen 60 und 100 Mil­li­ar­den Euro (abhän­gig von Markt­prei­sen und Stren­ge des Win­ters) für den Import fos­si­ler Ener­gie­trä­ger (Öl, Gas, Koh­le) aus.

Durch die Sek­tor­kopp­lung steigt zwar die benö­tig­te Strom­men­ge gegen­über heu­te auf das 3‑fache, der Ener­gie­be­darf ins­ge­samt sinkt jedoch.

Verändern Windparks das Klima?

Onshore-Wind­parks haben einen Ein­fluss auf das Mikro­kli­ma (also das Kli­ma im Wind­parkl selbst und in sei­ner unmit­tel­ba­ren Umge­bung). Drei ame­ri­ka­ni­sche For­scher haben dazu eine Meta-Stu­die zusam­men­ge­stellt, also zahl­rei­che Stu­di­en zum The­ma zusam­men­ge­tra­gen. Eine sehr gute und lesens­wer­te Ein­ord­nung fin­det sich auch hier. Die wich­tigs­ten Takeaways:

  • Die Stu­di­en wer­den von ande­ren Wis­sen­schaft­ler nicht als Argu­ment gegen den Aus­bau der Wind­kraft bewertet
  • In Städ­ten ist es auf­grund der Ver­sie­ge­lung zwi­schen 0,5 und 6(!) Grad wär­mer als im Umland
  • Koh­le­kraft­wer­ke ver­än­dern nicht nur das glo­ba­le Kli­ma durch den CO₂-Aus­stoß, sie ver­än­dern auch das loka­le Kli­ma und begüns­ti­gen Extremwetterlagen

Im Gegen­satz zu die­sen Fak­ten nimmt uns Vah­ren­holt jetzt voll­ends ins Reich der Mär­chen und Fabeln mit:

Wir machen eine Tech­no­lo­gie zur Bekämp­fung des Kli­mas – und brin­gen die Hälf­te der Erwär­mung wie­der zurück durch Windenergie"

Bereits die­ser Satz ist pures Gold! Denn nach die­ser Logik ist Vah­ren­holt wohl sehr nah dran am Per­pe­tu­um Mobi­le: Wind­ener­gie­an­la­gen (WEA) wür­den dem­zu­fol­ge näm­lich nicht nur Strom erzeu­gen, son­dern auch noch Umge­bungs­wär­me. Das dürf­te dann in toto mehr Ener­gie sein, als dem Wind an kine­ti­scher Ener­gie ent­zo­gen wurde.

Aus die­ser Erwär­mung, in Kom­bi­na­ti­on mit dem angeb­li­chen Strom­be­darf (sie­he oben), lei­tet Vah­ren­holt im nächs­ten Schritt ab, dass ein „Wind­park Deutsch­land“ ent­steht und „alle 1.000 Meter ein Wind­rad steht“. Sor­ry, was der Mann da von sich gibt, ist ein­fach nur peinlich!
Zur Ein­ord­nung hier mal ein Aus­zug aus einem State­ment des KNE (Kom­pe­tenz­zen­trum Natur­schutz und Ener­gie­wen­de) zum Thema:

Aktu­ell vor­lie­gen­de Stu­di­en­ergeb­nis­se kom­men zu dem Ergeb­nis, dass der Strom­be­darf im Jahr 2050 zwi­schen etwas mehr als dem Heu­ti­gen (rund 620 Ter­ra­watt­stun­den) bis zum Dop­pel­ten des Heu­ti­gen (1.000 Tera­watt­stun­den) beträgt. Dies wür­de bedeu­ten, dass zwi­schen 37.000 und etwa 65.000 Wind­ener­gie­an­la­gen benö­tigt wer­den. Spe­ku­la­tio­nen und Angst­sze­na­ri­en von 300.000 Wind­ener­gie­an­la­gen bis 2050 kann somit schon jetzt klar ent­ge­gen­ge­tre­ten werden.

Nichts­des­to­trotz wie­der­holt Vah­ren­holt sei­nen Unsinn noch­mal mit ande­ren Wor­ten, wohl damit es beim Zuschau­er auch hän­gen­bleibt: „Dann haben wir im Abstand von einem Kilo­me­ter Wind­tür­me, dann haben Sie in ganz Deutsch­land bis zu 0,5 Grad mehr Wär­me, Tro­cken­heit, Dür­re“ – Wow, das ist ja nun nicht mal mehr Stammtischniveau!

Wieviel Volllaststunden liefern Windenergieanlagen?

Albert Duin erwähnt, dass WEA heu­te durch­schnitt­lich 1.700 Voll­last­stun­den pro Jahr errei­chen. Das ist über den gesam­ten Bestand abso­lut korrekt.
Dies wird auch unter­mau­ert durch eine Gra­fik aus der Stu­die "Voll­last­stun­den von Wind­ener­gie­an­la­gen an Land" in wel­cher die Voll­last­stun­den nach Anla­gen­jahr­gän­gen auf­ge­schlüs­selt sind:

WEA - Volllaststunden
Den­noch ist es nur die hal­be Wahr­heit: Der Wert wird zukünf­tig signi­fi­kant stei­gen. Das Fraun­ho­fer-Insti­tut für Wind­ener­gie­sys­te­me schreibt dazu:

Einen deut­li­chen Kon­trast zu den vom deut­schen Anla­gen­be­stand erreich­ten Voll­last­stun­den bil­den die erwar­te­ten mitt­le­ren Voll­last­stun­den der in 2018 neu errich­te­ten WEA. Mit 2788 Stun­den lie­gen die erwar­te­ten Voll­last­stun­den der neu­en WEA um den Fak­tor 1,67 höher als das 10-Jah­res-Mit­tel des Anlagenbestandes.

Wor­an das liegt, ist schnell erklärt: neue­re Anla­gen wer­den immer höher. In grö­ße­rer Höhe weht der Wind kon­stan­ter. Dar­aus erge­ben sich mehr Voll­last­stun­den. Die grö­ße­re Naben­hö­he erlaubt zudem grö­ße­re Rotor­durch­mes­ser. Das führt zu einem erheb­lich höhe­ren Ertrag einer WEA.

Neue­re WEA errei­chen eine deut­lich höhe­re Anzahl Voll­last­stun­den und damit einen höhe­ren Ertrag, da sie über einen grö­ße­ren Rotor­durch­mes­ser ver­fü­gen, höher sind und in der grö­ße­ren Höhe der Wind bestän­di­ger weht.

Solarenergie, Speicher und Synergien im neuen Energiesystem

Tichy bringt nun Solar­ener­gie ins Spiel, Vah­ren­holt stellt dazu zunächst fest, dass 25% des Stroms pri­vat ver­braucht wer­den, 75% Strom dage­gen im Non-Resi­den­ti­al-Bereich – das stimmt.
ABER: haben Gewer­be­ob­jek­te kei­ne Dächer? Ergo kann man natür­lich auch auf den Dächern eines gro­ßen Teils der 75% ganz vor­züg­lich Strom erzeu­gen! Und was ist mit Agri-PV (Pho­to­vol­ta­ik über Fel­dern)? Auf Dächern von Park­plät­zen und Ver­kehrs­we­gen? Und der Hül­le von Gebäu­den (ja, Fas­sa­de geht heu­te auch!) und Fahrzeugen?

Effizienz von Energiespeichern

Danach arbei­tet er sich an den Spei­cher­ver­lus­ten ab („Sie ver­lie­ren auf dem Wege aber 23 der Energie“).
Schau­en wir uns die­se genau an. S&P Glo­bal Mar­ket Intel­li­gence fasst das in fol­gen­den Wor­ten zusam­men:

The tech­no­lo­gy to con­vert power to hydro­gen and back to power has a round-trip effi­ci­en­cy of 18%-46%, accor­ding to data that Flo­ra pre­sen­ted from the Mas­sa­chu­setts Insti­tu­te of Tech­no­lo­gy and sci­en­ti­fic jour­nal Natu­re Ener­gy. In com­pa­ri­son, two matu­re long-dura­ti­on tech­no­lo­gies, pum­ped-sto­rage hydro­power and com­pres­sed air ener­gy sto­rage, boast round-trip effi­ci­en­ci­es of 70%-85% and 42%-67%, respec­tively. Flow bat­te­ries, a rech­ar­geable fuel cell tech­no­lo­gy that is less matu­re, have a round-trip effi­ci­en­cy of 60%-80%.“

Wir kön­nen also einer­seits davon aus­ge­hen, dass die von Vah­ren­holt pro­pa­gier­ten 23 Ver­lus­te auf ver­al­te­tem Zah­len­ma­te­ri­al beru­hen. Ich möch­te aber außer­dem auf den signi­fi­kant höhe­ren Wert für Fluss­bat­te­rien hin­wei­sen. In Chi­na ent­steht gera­de eine sol­che Bat­te­rie.

Synergieeffekte nicht vergessen!

Was alle in der Run­de völ­lig außer acht las­sen, sind Syn­er­gie­ef­fek­te. Ich muss den mit Solar­an­la­gen gespei­cher­ten Strom nicht zwin­gend in der Nacht bereit­stel­len, sofern da der Wind weht. Das ist bei­spiels­wei­se im Win­ter­halb­jahr oft der Fall. Im Som­mer weht dage­gen weni­ger Wind, dafür ist die Anzahl Sonnenstunden/​Tag höher. Son­ne und Wind ergän­zen sich also ganz hervorragend!

Wir soll­ten auf unse­rem Weg zu 100% Erneu­er­ba­rer Ener­gie auch Bio­gas, Was­ser­kraft und ande­re Tech­no­lo­gien nicht unbe­rück­sich­tigt las­sen. Das The­ma wird sowohl auf glo­ba­ler, auf euro­päi­scher und auch auf deut­scher Ebe­ne schon seit län­ge­rem dis­ku­tiert (SRU 2011; Hen­ning und Pal­zer 2012; Jacob­son u. a. 2017; Wal­ter u. a. 2018; Bar­thold­sen u. a. 2019; Hainsch, Göke, u. a. 2020; Ger­hards u. a. 2021). Hier ein Bei­spiel für eine Stu­die, die das The­ma ein­ge­hend beleuchtet.

Es exis­tie­ren zahl­rei­che Stu­di­en, die bele­gen, dass ein Ener­gie­sys­tem aus 100 % Erneu­er­ba­ren Ener­gien in Deutsch­land aus tech­ni­scher Sicht pro­blem­los rea­li­sier­bar ist. Die Fra­ge ist also nicht mehr ob, son­dern nur noch wie.

Elektromobilität

Frank Hen­ning behaup­tet, dass man sich in ande­ren Län­dern „ver­kal­ku­liert“ hat. Als Bei­spie­le führt er Cali­for­ni­en und Groß­bri­tan­ni­en  an, wo ein neu­es Gesetz dafür sorgt, dass Elek­tro­au­tos ab Mai 2022 zu bestimm­ten Zei­ten nicht mehr an pri­va­ten Lade­säu­len gela­den wer­den kön­nen. Wie unsin­nig die­ses Argu­ment ist, wird in die­sem Bei­trag sehr gut erklärt, des­halb erspa­re ich mir wei­te­re Aus­füh­run­gen zum Thema.

Reicht der Strom?

Und nun schlägt die Stun­de von Albert Duin: 18 TWh für 10 Mio. Elek­tro­au­tos: Glück­wunsch, rich­tig gerech­net – aller­dings erst in 10 Jah­ren! Die­se 18 TWh sind noch nicht mal 4% unse­res heu­ti­gen Strom­ver­brauchs. Der Aus­bau ist dann wohl zu schaf­fen (für alle Neu­gie­ri­gen, die es ganz genau wis­sen wol­len: Jan Hegen­berg hat sich hier des The­mas ange­nom­men – auf sei­ne unnach­ahm­li­che, sehr unter­halt­sa­me Wei­se. Und sogar Vah­ren­holt räumt ein: „Es über­rascht, wie wenig Strom man dann wirk­lich braucht“ – nur um dann mit dem Gleich­zei­tig­keits­pro­blem auf­zu­war­ten, wel­ches er anschei­nend sieht: "Alle ste­cken dann um 17 Uhr ein, wenn sie nach Hau­se kommen".
Ich for­mu­lie­re es mal so: wenn heu­te um 17 Uhr auf dem Heim­weg 10 Mio. Autos an den knapp 15.000 Tank­stel­len in Deutsch­land tan­ken wür­den: wie lang da wohl die Schlan­gen wären?
Ein ande­res Bei­spiel: wenn alle Men­schen in Deutsch­land mor­gens gleich­zei­tig den Toas­ter und die Kaf­fee­ma­schi­ne ein­schal­ten wür­den oder mit­tags den Elek­tro­herd oder den Back­ofen, wür­de das deut­sche Strom­netz zusam­men­bre­chen. Nur: es pas­siert nie!

Weder ist der Strom­be­darf von Elek­tro­au­tos ein per­spek­ti­vi­sches Pro­blem, noch ein etwa­iger Gleich­zei­tig­keits­ef­fekt beim Laden.

Subventionen für Elektroautos

Nun öff­net Albert Duin die Büch­se der Pan­do­ra: Subventionen!
Sub­ven­tio­nier­te Elek­tro­au­tos sind für ihn ein Pro­blem? Wo war denn der Auf­schrei bei der Abwrack­prä­mie 2009 (die nach­weis­lich für die deut­sche Auto­mo­bil­in­dus­trie nix gebracht hat, wie man heu­te weiß)? Oder bei der eben­falls unsin­ni­gen, gera­de ein­ge­führ­ten LKW-Abwrack­prä­mie (die gibt's auch für neue Ver­bren­ner)?

Stromimporte

Frank Hen­ning merkt an, dass es uns bei Import­strom völ­lig egal sei, wie der her­ge­stellt wird. Stimmt, das kann es auch: alle ande­ren Län­der der EU müs­sen – eben­so wie Deutsch­land – ihre Emis­sio­nen redu­zie­ren. Das bedeu­tet, auch dort wird der Strom zuneh­mend sauberer.
Zum The­ma Import­strom all­ge­mein: bis dato expor­tie­ren wir mehr Strom (aktu­ell 20 TWh p.a.), als wir impor­tie­ren. Dazu ein Aus­zug aus der ent­pre­chen­den Sta­tis­tik für das Jahr 2020:

Beim Außen­han­del mit Strom wur­den bis ein­schließ­lich Okto­ber 34,9 TWh zu einem Wert von 1,5 Mrd. Euro ein­ge­führt. Die Ausfuhr
lag bei 45,2 TWh und einem Wert von 2,05 Mrd. Euro. Im Sal­do ergibt sich für die ers­ten zehn Mona­te ein Export­über­schuss von 10,3
TWh und Ein­nah­men im Wert von 549 Mio. Euro. Ein­ge­führ­ter Strom kos­te­te durch­schnitt­lich 42,87 Euro/​MWh und ausgeführter
Strom 45,27 Euro/​MWh.

Grünstrom-Zertifikate

Das mit dem Zer­ti­fi­ka­te­han­del für grü­nen Strom (ob nun aus Island oder Nor­we­gen) stimmt lei­der. Ich hal­te das eben­falls auch für Betrug!
Hier­zu ein sehr guter Bei­trag des WDR zum Thema.

Ausblick

Frank Hen­nig liegt da völ­lig rich­tig: wir brau­chen schnells­tens 30 – 40 GW Gas­kraft­wer­ke (das die­se nicht sehr teu­er sind, hat­te ich wei­ter oben bereits erläu­tert) – und natür­lich min­des­tens einen 3–4‑fachen Aus­bau erneu­er­ba­rer Energien.

Ratio­niert wer­den“ muss Strom m. W. nicht, aber wir brau­chen Demand Side Manage­ment (DSM). Was das genau bedeu­tet, ist auf die­ser Sei­te recht gut erklärt.
Das kann (und wird) sich auch über den Preis lösen. Das geht nicht nur in pri­va­ten Haus­hal­ten (die Ihre Wasch- oder Spül­ma­schi­ne in Schwach­last­zei­ten lau­fen las­sen, also wenn der Strom bil­lig ist). Auch in der Indus­trie ist das mög­lich: Lager für Zwi­schen­pro­duk­te sor­gen dafür, dass die­se eben­falls in Schwach­last­zei­ten pro­du­ziert wer­den können.

Der Last­ab­wurf bei Alu­mi­ni­um­hüt­ten ist übri­gens zeit­lich begrenzt (m. W. auf 3 Stun­den pro Tag). Die Gefahr einer ganz­tä­gi­gen Abschal­tung besteht also über­haupt nicht.

Unter dem Titel „Die Zukunft der Ener­gie­ver­sor­gung ist das Schlüs­sel­the­ma für das Chem­Del­ta Bava­ria“ dis­ku­tier­ten Ver­tre­ter der Initia­ti­ve Chem­Del­ta Bava­ria mit Wirt­schafts­mi­nis­ter Hubert Aiwan­ger und dem Vor­stand der Bay­ern­werk AG Dr. Egon West­phal und TENNET Chief Ope­ra­ting Offi­cer Tim Mey­er­jür­gens. Wei­te­re Ein­zel­hei­ten zu der Ver­an­stal­tung kön­nen die­ser Pres­se­mit­tei­lung ent­nom­men werden.

Von Albert Duin wird in die­sem Zusam­men­hang ein Strom­be­darf von „630 TWh pro Jahr“genannt, nur für das ChemDelta.
Es ist unklar, wo die­se Zahl her­kommt. Der VCI (Ver­band der Che­mi­schen Indus­trie) hat im Rah­men einer Stu­die einen Strom­be­darf für die gesam­te che­mi­sche Indus­trie von 680 TWh ermit­telt (das sind 630 TWh mehr als heu­te) – wohl­ge­merkt, in 2050.

Zum Abschluss noch ein wenig Selbst­be­weih­räu­che­rung von Duin: „Wir haben dafür gesorgt, dass…“. Ja, vie­les wur­de bereits err­reicht. Oft, weil Ver­bo­te ein­ge­führt wur­den (Bei­spie­le: Asbest, FCKW).
So oder so lau­tet nun die Her­aus­for­de­rung, Emis­sio­nen schnellst­mög­lich zu eliminieren.

Zum The­ma Tage­bau­seen: Es mag sein, dass in irgend­wel­chen Braun­koh­le­gru­ben heu­te Was­ser drin ist. Wo das Was­ser für die rest­li­chen Gru­ben her­kom­men soll, ist jedoch hin­sicht­lich der Lau­sitz über­haupt nicht geklärt. Für das Rhei­ni­schen Revier ist das zwar geklärt, es dau­ert aller­dings sehr lang.

Fazit

Das For­mat lei­det sehr dar­un­ter, das die­se „Exper­ten­run­de“ eben nicht aus Exper­ten besteht. Dar­aus resul­tie­ren dann auch die auf­ge­zeig­ten Falsch­be­haup­tun­gen, Halb­wahr­hei­ten und Unge­nau­ig­kei­ten. Aber genau so erwar­tet man es auch von einem Stamm­tisch­ge­spräch, nicht wahr!?

Wie ver­mes­sen muss man eigent­lich sein, um ein wis­sen­schaft­li­ches The­ma mit Nicht-Wis­sen­schaft­lern erör­tern zu wol­len? Aber um eine sach­li­che, kor­rek­te Dar­stel­lung und Auf­klä­rung sei­nes Publi­kums geht es Roland Tichy auch gar nicht. Sein Fokus liegt ganz offen­sicht­lich auf dem Dis­kre­di­tie­ren der Ener­gie­wen­de. Das Trau­ri­ge dar­an: bei sei­ner übli­chen Kli­en­tel ver­fängt das ver­mut­lich sogar.

Link zum Video

Wer das You­Tube-Video mit eige­nen Augen sehen möch­te: Bit­te hier ent­lang.

Update vom 12. Oktober 2021

  • Link zum Video ans Ende des Bei­trags verschoben
  • Erläu­te­rung des Begriffs Voll­last­stun­den ein­ge­fügt (Tool­tip)
  • Abschnitt „Vah­ren­holt ver­steht den CO₂-Preis nicht“ über­ar­bei­tet (ver­ständ­li­cher formuliert)
  • Link zum BEHG

Update vom 14. Oktober 2021

  • Aus­füh­run­gen zu kli­ma­wan­del­be­ding­ten Leis­tungs­ein­schrän­kun­gen und Abschal­tun­gen von Kern­kraft­wer­ken präzisiert

Die Ener­gie­wen­de ist der Dreh- und Angel­punkt, wenn es um den Erfolg oder Miss­erfolg bei der Bewäl­ti­gung der Kli­ma­kri­se geht. Gemein­sam mit Dir kön­nen wir den vom Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um vor­ge­leg­ten Ent­wurf für die Novel­lie­rung des Erneu­er­ba­re-Ener­gien-Geset­zes (EEG-Novel­le 2021) ver­hin­dern. Denn die­ser reicht bei Wei­tem nicht aus, um die drin­gend not­wen­di­ge Ener­gie­wen­de vor­an­zu­trei­ben. Unter ande­rem wer­den erneut der beschleu­nig­te Aus­bau der Erneu­er­ba­ren Ener­gien und Inves­ti­tio­nen in nach­hal­ti­ge Tech­no­lo­gien suk­zes­si­ve ausgebremst.

Energiewende EEG 2021

Eine erfolg­rei­che Ener­gie­wen­de kann es nur mit einer dezen­tra­len Bürger:innenenergie geben. Ins­be­son­de­re Bürger:innen tra­gen heu­te schon aller­orts in Deutsch­land zur Ener­gie­wen­de mit PV-Klein­an­la­gen bei. Mehr als ein Drit­tel aller Eigentümer:innen von Erneu­er­ba­ren Ener­gie-Anla­gen sind Pri­vat­per­so­nen, die auch bereit sind, das Poten­zi­al der Erneu­er­ba­ren Ener­gien wei­ter aus­zu­schöp­fen. Alle For­de­run­gen dazu fin­dest Du hier.

Die Novel­le soll noch in die­sem Jahr ver­ab­schie­det wer­den. Doch noch ist es nicht zu spät, um das EEG zu ret­ten! Wir kön­nen die Parlamentarier:innen umstim­men. Es liegt an jeder:m Ein­zel­nen von uns, die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten an das Ver­spre­chen aus dem Pari­ser Kli­ma­ab­kom­men zu erin­nern. For­dern wir sie auf, uns und den nach­fol­gen­den Gene­ra­tio­nen eine kli­ma­si­che­re Zukunft zu ermög­li­chen – auch dank eines star­ken EEGs!

Wie das geht? Mach mit bei der Akti­on von Ger­man­Zero und schreib Dei­nen Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten hier eine Mail.

Vie­len Dank für Dei­ne Unterstützung!

Eigent­lich ist die Sache so ein­fach wie klar: Um die Aus­wir­kun­gen den men­schen­ge­mach­ten Anteils am Kli­ma­wan­del zu mini­mie­ren, müs­sen wir sämt­li­che fos­si­len Brenn­stof­fe im Boden las­sen. Und das bes­ser schon ab heu­te als ab morgen.
War­um ist das also nicht schon längst pas­siert? Und wie kön­nen wir dafür sor­gen, dass es passiert?

Wei­ter­le­sen

Deutsch­land hat den zweit­höchs­ten Strom­preis in Europa.
In die­sem Bei­trag stel­len wir Ihnen zwei Kos­ten­trei­ber vor und erklä­ren Ihnen, war­um – außer dem End­ver­brau­cher, der das bezah­len muss – kei­ner der Betei­lig­ten Prot­ago­nis­ten ein wirt­schaft­li­ches Inter­es­se dar­an hat, das zu ändern. Dar­über hin­aus ler­nen Sie sinn­vol­le Abhil­fe­maß­nah­men ken­nen und erfah­ren, war­um es auch damit nicht vor­an geht. 

Wei­ter­le­sen

Eigentlich ist die Sache klar: Die Energiewende ist dezentral. Das sieht auch die Europäische Union (EU) so.

Klar, das ist nicht im Interesse der großen Energieversorger, den Big4 (E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall). Und natürlich ebenso wenig im Interesse ihrer zahlreichen Tochterunternehmen wie beispielsweise eprimo oder Yello: schließlich verkaufen alle genannten Unternehmen durch die dezentrale Energieversorgung ("Bürgerenergie") weniger Strom.

Aber wie sehen die von uns gewählten Volksvertreter das eigentlich? Begeben wir uns gemeinsam auf die Suche nach Indizien.

Bundesregierung

Sie interessieren sich nicht für die Details? Dann lesen Sie doch gleich mein Fazit!

Um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass die EU die dezentrale Energiewende befürwortet, muss man lediglich einen Blick in die am 11. Dezember 2018 erlassene Erneuerbare-Energien-Richtlinie (EERL) werfen. Darin heißt es beispielsweise bereits in der Begründung in Punkt 65:

Mit dem Übergang zur dezentralisierten Energieproduktion sind viele Vorteile verbunden, beispielsweise die Nutzung vor Ort verfügbarer Energiequellen, eine bessere lokale Energieversorgungssicherheit, kürzere Transportwege und geringere übertragungsbedingte Energieverluste. Diese Dezentralisierung wirkt sich auch positiv auf die Entwicklung und den Zusammenhalt der Gemeinschaft aus, weil vor Ort Erwerbsquellen und Arbeitsplätze entstehen.

Anscheinend teilt die Bundesregierung diese Einschätzung aber nicht. Wie sonst ist es zu erklären, dass der Ausbau der dezentralen Energieproduktion durch deutsche Gesetze behindert wird? Potenziellen Investoren werden ständig Knüppel zwischen die Beine geworfen, beispielsweise durch komplizierte Gesetze und Richtlinien, durch Beschränkungen sowie eine unnötige Reduzierung der Rendite.

Immer noch nicht beseitigt: Die „Sonnensteuer“

Ein Beispiel für eine solche Ertragsschmälerung verbirgt sich etwa im EEG § 61: Letztverbraucher müssen demzufolge auch für selbst erzeugten und selbst verbrauchten Strom EEG-Umlage zahlen, sofern die Anlagengröße 10 kW überschreitet. Zur Einordnung: Diese Anlagengröße ist bereits bei Einfamilienhäusern sinnvoll, wenn auch das E-Auto mit PV-Strom geladen werden soll.

Gebühren für selbst erzeugten Strom, den ich selbst verbrauche? Da könnte man ja ebenso gut selbst angebautes Obst und Gemüse besteuern, welches ich selbst verzehre. Klingt unsinnig? Ist es auch!

Außer dem gesunden Menschenverstand steht dem auch die bereits erwähnte EERL eindeutig entgegen: Gemäß Art. 21 haben die Mitgliedstaaten dafür zu sorgen, dass „Eigenversorger im Bereich erneuerbare Elektrizität individuell oder über Aggregatoren berechtigt sind, … erneuerbare Energie einschließlich für die Eigenversorgung zu erzeugen …, ohne dass die eigenerzeugte Elektrizität aus erneuerbaren Quellen, die an Ort und Stelle verbleibt, diskriminierenden oder unverhältnismäßigen Verfahren und jeglichen Abgaben, Umlagen oder Gebühren unterworfen ist“. Mit anderen Worten: Die EEG-Umlage für eigenerzeugten Strom ist gemäß EU-Recht nicht zulässig.

Die Anforderungen der EERL müssen bis zum 30. Juni 2021 in nationales Recht umgesetzt werden.

Die Anforderungen der EERL müssen in nationales Recht umgesetzt werden. Dafür gibt es sogar eine Deadline, nämlich den 30. Juni 2021.
Die EERL stammt aus dem Dezember 2018, heute sind wir also mehr als 18 Monate weiter. Zudem steht eine Änderung des EEG ohnehin gerade an. Da drängt sich die Frage auf, warum die Bundesregierung die „Sonnensteuer“ nicht schon mit der aktuell anstehenden EEG-Novelle abschafft?

Hick-Hack um den Solardeckel

Der sogenannte Solardeckel verhindert die Vergütung (Förderung) von eingespeistem Strom aus PV-Anlagen, sobald die Leistung aller installierten und gemäß EEG geförderten PV-Anlagen 52 GW überschreitet. Diese 52 GW werden in den nächsten Monaten erreicht.

Bereits im September 2019 hat die Bundesregierung beschlossen, diese Regelung ersatzlos abzuschaffen. Passiert ist bis heute jedoch - nichts. Ungeachtet der ständigen, fast Mantra-artigen Wiederholungen des Beschlusses und der entsprechenden Beteuerungen: Die Abschaffung des Solardeckels ist bis heute nicht im Bundesgesetzblatt veröffentlicht.

Die inzwischen seit über einem halben Jahr ungeklärte Situation stellt im Ergebnis eine erhebliche Investitionsbarriere dar!

Diese inzwischen seit über einem halben Jahr ungeklärte Situation stellt im Ergebnis eine erhebliche Investitionsbarriere dar: Bevor jemand eine Investition für beispielsweise eine Dach-PV-Anlage tätigt, will dieser Jemand berechtigterweise deren Wirtschaftlichkeit beurteilen können.
Das ist aber nicht möglich, wenn unklar ist, wie mit dem nicht selbstgenutzem Strom verfahren wird, also ob und welche Vergütung dafür in Ansatz gebracht werden kann.

Aber selbst wenn der 52-GW-Deckel nun endlich abgeschafft würde, ist das nächste Problem bezüglich des PV-Ausbaus bereits am Horizont sichtbar: die Rede ist vom "atmenden Deckel", der Absenkung der Einspeisevergütung in Abhängigkeit des PV-Zubaus (EEG, § 49).
Entsprechenden Zubau vorausgesetzt, ist ein wirtschaftlicher Betrieb von vorwiegend netzeinspeisenden PV-Anlagen dann wohl nicht mehr möglich.

Das Mieterstromgesetz hat Mieterstrom eher komplizierter gemacht

Immer dann, wenn Besitzer und ausschließlicher Nutzer einer Immobilie identisch sind, ist die Förderung erneuerbarer Energien im EEG geregelt. Das gilt für das private Einfamilienhaus ebenso wie für ein Gewerbeobjekt.
Aber was passiert, wenn Gebäudeteile vermietet sind, es also mehrere Nutzer gibt? Dazu zählt beispielsweise jedes Mehrfamilienhaus. Wie können sowohl Vermieter als auch Mieter von einer Photovoltaikanlage auf dem Dach des Gebäudes profitieren? Wie wird der damit erzeugte Mieterstrom abgerechnet? Welche Umlagen sind dafür zu entrichten?
Das alles wird seit 2017 im Mieterstromgesetz geregelt, welches den Bau von PV-Anlagen auf den Dächern von Mietshäusern vereinfachen soll - eigentlich.

Von „einfach“ kann nämlich absolut keine Rede sein! Ein Forschungsprojekt hat dies untersucht und dokumentiert („Zukunftsfeld Mieterstrommodelle: Potentiale von Mieterstrom in Deutschland mit einem Fokus auf Bürgerenergie“).
Das Forscherteam schreibt in seiner Zusammenfassung: „Der Entfaltung dieser allgemeinen Potentiale von Mieterstrom stehen allerdings einige hemmende Faktoren im Wege. Dazu gehört an erster Stelle die Komplexität durch die rechtlichen Rahmenbedingungen, die durch das Mieterstromgesetz teilweise sogar noch erhöht worden ist.
In der Praxis führen ferner eine fehlende Einheitlichkeit bzw. Standardisierungsprobleme dazu, dass die Wirtschaftlichkeit von Mieterstromprojekten häufig unklar ist.
Unter technischen Gesichtspunkten bestehen besonders große Herausforderungen beim Messkonzept und Abrechnungssystem, die eine einfache und schnelle Umsetzung von Mieterstromprojekten behindern.

Die Wissenschaft wird auch von der Praxis unterstützt

Dies wird auch durch praktische Erfahrungen in meinem direkten Umfeld bestätigt. So schreibt mir ein persönlich bekannter (privater) Immobilien-Investor (ihm gehören fünf Objekte):
Nach dem Bau von 5 PV-Anlagen bin ich mir ganz sicher, dass das ‚von oben‘ nicht gewünscht ist. Denn sonst hätte ich irgendwie Förderung und nicht nur Widerstand erfahren.
Wenn eine genehmige Anlage beim Netzbetreiber als ‚fertig‘ gemeldet wurde, dann dauerte es 3-6 Monate bis ein bidirektionaler Zähler gesetzt war, der auch die Einspeisung misst.
An den zuständigen Netzbetreiber muss ich wegen der EEG-Umlage genau die gleichen Prognosen und Abrechnungen liefern wie zum Beispiel RWE. Das schaffen sicher nur wenige Solokünstler [Anm. des Autors: der Mann ist Elektroingenieur].
Und last but not least: eventuell entstehende Gewinne werden ganz sicher durch die Notwendigkeit einer Firma mit Zwang eines Steuerberaters aufgefressen.

Nur die Spitze des Eisbergs

Das waren nur drei Beispiele für Hemmnisse der dezentralen Energiewende, insbesondere dem Ausbau von Photovoltaikanlagen durch deutsche Gesetze. Im Rahmen dieses Beitrags wollen wir es zugunsten anderer Themenbereiche dabei belassen.
Viele weitere Beispiele hat die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (htw) im Rahmen des Forschungsprojekts PV2City gesammelt. Diese Seite enthält eine kurze Einführung in das Thema sowie einen Download-Link der von der Forschungsgruppe rund um Prof. Volker Quaschning zusammengestellten Liste.

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Das Kohleausstiegsgesetz: Doch eher ein KohleEINstiegsgesetz?

Dieses Gesetz, welches derzeit als Entwurf vorliegt und noch vor der Sommerpause vom Bundestag beschlossen werden soll, dient "zur Reduzierung und zur Beendigung der Kohleverstromung" - zumindest der Überschrift nach. Das Gesetz hat es jedoch bin sich!

Kohleausstiegsgesetz: der Name ist ein klassischer Fall von Etikettenschwindel

Gemäß § 42 des Gesetzentwurfs möchte die Bundesregierung sämtliche Regelungen mit den Betreibern von Braunkohleanlagen, beziehungsweise Braunkohletagebauunternehmen in einen öffentlich-rechtlichen Vertrag auslagern. Damit wären entsprechende Regelungen nicht öffentlich einsehbar (damit haben wir beispielsweise im Zusammenhang mit Andreas Scheuers Mautverträgen schon schlechte Erfahrungen gemacht).

Ebenfalls möchte die Bundesregierung in diesem Vertrag die „energiewirtschaftlichen Notwendigkeit des Tagebaus Garzweiler“ feststellen. Zur Klarstellung: damit würde die Braunkohleförderung und -verstromung durch die RWE AG für weitere 18(!) Jahre festgeschrieben, und zwar unabänderlich!
Hier wäre es sehr spannend zu erfahren, worin genau die Notwendigkeit denn begründet liegt? Gibt es dazu ein Gutachten (Äußerungen/Einschätzungen seitens RWE zählen aus meiner Sicht NICHT dazu!)? Oder ist diese Feststellung am Ende nur politisch motiviert?
Mir liegt jedenfalls ein Gutachten vor, welches dem widerspricht! Einzelheiten dazu auf dieser Seite.

Und dann sind da ja auch noch die Entschädigungszahlungen: 2,6 Milliarden Euro für Braunkohleanlagen im Rheinland und 1,75 Milliarden Euro für die Braunkohleanlagen in der Lausitz.
Dazu heißt es, dass diese „für die Deckung der Kosten der Rekultivierung und Wiedernutzbarmachung der Tagebaue und aller Tagebaufolgekosten“ verwendet werden sollen.

Jeder, der einen Schaden verursacht, hat diesen auch wieder zu beseitigen - und zwar ohne dafür irgendeine Entschädigung zu erhalten.

Aber versteht es sich nicht von selbst, dass ich einen Schaden, den ich angerichtet habe, wieder beseitige? Und zwar ohne dafür eine Entschädigung zu erhalten!

Wie lange ist der Betrieb von Kohlekraftwerken noch wirtschaftlich?

Eine Komponente, aus der sich die genannten Entschädigungszahlungen berechnen, ist der durch die vorzeitige Abschaltung zu erwartende Ertragsausfall für die betroffenen Unternehmen.

Nach Berechnungen vom Ramez Naam, einem anerkannten Experten für Energie und Umwelt, werden die Kosten für den Neubau eines Solarparks deutlich vor Ablauf der 18 Jahre unter die Kosten fallen, die beim Weiterbetrieb eines bestehenden fossilen Kraftwerks entstehen (s. nachfolgende Grafik).

Zukünftige Kosten Solarprojekte bis 2050

Bei den Betriebskosten sind innerhalb der EU zusätzlich die Kosten für die erforderlichen Emissionszertifikate zu berücksichtigen. Die nachfolgende Grafik zeigt die Preisentwicklung der ETS-Zertifikate (€/tCO₂) in den letzten Jahren (blaue Linie, Quelle).

Preisverlauf Überschüsse ETS-Zertifikate
Zur besseren Einordnung: Ein Braunkohlekraftwerk erzeugt bei der Kohleverstromung etwa 1,2 tCO₂/MWh (Berechnungsgrundlage: Verbrennung Braunkohle = 0,41 kgCO₂ / kWh, angen. Wirkungsgrad Kraftwerk 35% => 1,17 tCO₂ / MWh).

Unterm Strich ist also davon auszugehen, dass RWE & Co. ihre zunehmend unrentablen Kraftwerke noch vor 2030 von ganz alleine abschalten würden.

Verschärfung der Schadstoffgrenzwerte

Spätestens ab Juli 2021 (Ende der Umsetzungsfrist in nationales Recht) gelten gemäß den EU-Vorgaben zu Schadstoffgrenzwerten für Großfeuerungsanlagen („BREF-Richtlinie“) strengere Grenzwerte für Stickstoffoxid, Quecksilber und Rußpartikel (das Mitgliedsland Deutschland hat übrigens gegen die Verschärfung der Grenzwerte gestimmt). Die wenigsten Kraftwerke entsprechen diesen Vorgaben.
Hier stellt sich im Einzelfall also die Frage, ob ein entsprechender Umbau technisch überhaupt möglich ist und wenn ja, ob dieser auch wirtschaftlich sinnvoll ist. Im Ergebnis werden viele Kohlekraftwerke in Europa schließen müssen, darunter auch in Deutschland.

Aus dem begrenzten Zeitraum, in dem ein Kohlekraftwerk noch wirtschaftlich betrieben werden kann und vor dem Hintergrund der ab Mitte nächsten Jahres verschärften Bestimmungen der BREF-Richtlinie ergibt sich, dass die Höhe der vorgesehenen Entschädigungszahlungen mindestens fragwürdig ist.

Die Bundesregierung sollte deshalb die Zeit bis zur Verabschiedung des Kohleausstiegsgesetzes sinnvoll nutzen und an verschiedenen Stellen nachbessern.

Schaffung neuer Geschäftsmodelle für Netzbetreiber

Es liegt auf der Hand, dass Verbraucher bei zunehmendem dezentralen Ausbau erneuerbarer Energien immer weniger Strom von ihrem Versorger beziehen.
Der großflächige Einbau lokaler Speicher (egal ob Batterie, E-Auto oder Brennstoffzelle) wäre vermutlich sogar der Todesstoß für die etablierten Konzerne: Die Eigenverbrauchsquote würde signifikant steigen, es ließen sich nochmals deutlich weniger Kilowattstunden an die Verbraucher verkaufen.

Die Geschäftsmodelle der Big4 und der Netzbetreiber werden also zukünftig in ihrer bisherigen Form nicht mehr funktionieren - also müssen neue her! Außer den betroffenen Unternehmen weiß das natürlich auch die Bundesregierung - und springt den Unternehmen helfend zur Seite.

Gutachten „Barometer Digitalisierung der Energiewende“

Nur wenigen ist das genannte Gutachten bekannt, selbst Fachleute aus dem Bereich erneuerbare Energien haben kaum von diesem Gutachten gehört. Der Name klingt ja auch zunächst recht unverfänglich.
ABER: Im Kern geht es darum, Eigenversorgung zukünftig zu verhindern, und zwar durch eine neue Netzentgeltsystematik (hohe Grundpreise, niedrige Arbeitspreise).
Klaus Oberzig hat das hier bereits ganz hervorragend analysiert, daher spare ich mir die Mühe an dieser Stelle.

Die Bundesnetzagentur als Erfüllungsgehilfe

Das vorgenannte Barometer-Gutachten enthält Vorschläge bezüglich einer neuen Netzentgeltsystematik.

Die Netzentgeltsystematik ist das Fundament welches notwendig ist, um zu verhindern, dass Verbraucher von der dezentralen Energiewende profitieren.

Darauf aufbauend versetzt die Bundesnetzagentur der Eigenversorgung dann den Todesstoß, nämlich mit ihrem Dokument „Marktintegration ausgeförderter und neuer Prosumer-Anlagen“ (beziehungsweise den darin enthaltenen Lösungsvorschlägen).

Prosumer sind alle Stromverbraucher, die gleichzeitig auch Stromerzeuger sind.
Alle drei im Dokument vorgestellten Prosumer-Modelle basieren auf der Grundlage, dass der Netzbetreiber den vom Prosumer erzeugten Strom zunächst komplett abnimmt. Dafür braucht es gegenüber dem Zustand heute einen zusätzlichen Zähler, welcher die gesamte Menge erzeugter erneuerbarer Energie zählt.
Der Prosumer muss anschließend seinen kompletten(!) Verbrauch vom Netzbetreiber kaufen.
Besonders anschaulich dargestellt wird das auf den letzten drei Seiten des Dokuments, in denen mit konkreten Zahlenbeispielen gearbeitet wird.

Zwei Erkenntnisse daraus:

  • Über eine Veränderung der Parametrierung (u. A. monatlicher Grundpreis, Abnahmepreis, Bezugspreis) lässt sich zentral (also durch den Netzbetreiber) steuern, inwieweit Eigenverbrauch überhaupt noch wirtschaftlich ist.
  • Lokale Speicher (Brennstoffzelle, E-Auto, …) kommen in den drei vorgestellten Modellen überhaupt nicht vor. Bei der Beschreibung der „Lieferanten-Option“ ist sogar die Rede davon, dass wegen der „symmetrischen Bepreisung von Einspeisung und Netzbezug das Netz für den Prosumer wie ein unbegrenzter Speicher wirkt“. Klingt doch toll, also keinen lokalen Speicher bauen, beziehungsweise nutzen, oder?
    Die Haken an der Sache:

    • Über den zusätzlichen Zähler unmittelbar an der Erzeugungsanlage (zum Beispiel PV-Anlage) weiß der Netzbetreiber in jedem Fall, wie viel Energie erzeugt wurde - unabhängig davon, ob diese nun ins Netz eingespeist oder zunächst lokal gespeichert wird. Diese Information lässt sich hervorragend zum Optimieren der Parametrierung verwenden - natürlich ganz im Sinne des Netzbetreibers.
    • Über den monatlichen Basispreis, der "pro kW" gezahlt wird, kann der Lieferant sehr präzise steuern, wie viel Geld der Prosumer zu zahlen hat - selbst wenn er 100% Eigenverbrauch hätte.

Nicht überraschend:  dagegen gibt es bereits erste Proteste.

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Fazit

  • Die Bundesregierung mit ihren nachgelagerten Ministerien und Behörden verhindert, beziehungsweise verzögert die dezentrale Energiewende, wo immer sich die Möglichkeit bietet.
  • Sie schützt und unterstützt die bisherigen Geschäftsmodelle der Big4, wo immer sie kann und so lange dies möglich ist.
  • Die Bundesregierung schafft bereits jetzt die Grundlage für neue Einnahmequellen der Big4 und der Netzbetreiber, da das bisherige Vorgehen schon allein wegen der EU-Gesetzgebung nicht mehr lange in der jetzigen Form fortgeführt werden kann.
Weiterführende Literatur

Bundesregierung: Klimaschutzprogramm 2030 der Bundesregierung zur Umsetzung des Klimaschutzplans 2050

Clearingstelle EEG - KWKG: Richtlinie (EU) 2018/2001 - Erneuerbare-Energien-Richtlinie (EERL)

Solarserver: Marktbefragung: 52-GW-Deckel ist Investitionsbarriere für Photovoltaik

Pressemitteilung von Parents For Future: Kohleausstiegsgesetz mutiert zum Klima- und Wirtschaftskiller!

energate messenger 04/2017: EU verschärft Standards für Kraftwerksemissionen