Der Lobbyist und Präsident des Autoclubs Mobil in Deutschland e. V., Dr. Michael Haberland, möchte wegen der Corona-Krise die deutsche Automobilindustrie durch acht Maßnahmen fördern. Warum das ein Irrweg ist.
Stellen Sie sich vor, der rote Planet würde in helle Flammen aufgehen. Tausende Atomwaffen explodieren, Staubwolken steigen auf, die Temperatur steigt – zumindest in der Theorie. Die Idee, den Mars mit Nuklearschlägen bewohnbar zu machen, klingt wie ein Hollywood-Film. Doch sie ist nicht nur unrealistisch, sie lenkt von der wichtigsten Frage unserer Zeit ab:
Was, wenn wir stattdessen einfach die Erde retten?

Die Rechnung, die nicht aufgeht
Die Rechnung ist schnell gemacht: Um die Durchschnittstemperatur auf dem Mars um 50 Grad zu erhöhen, bräuchte man rund 5.000 Tsar-Bomben – die stärksten je gezündeten Atomwaffen. Doch selbst dann würde nichts davon funktionieren. Der Mars hat keine Magnetosphäre, kaum Atmosphäre und nur ein Sechstel des Erdluftdrucks. Die Wärme würde sofort wieder ins Weltall entweichen. Das Gas wäre zu dünn, um Wärme zu halten. Die Strahlung wäre tödlich. Und das alles für ein Projekt, das Jahrhunderte dauern würde – mit ungewissem Ausgang.
Die gute Nachricht: Wir haben bereits den perfekten Planeten!
Die gute Nachricht: Wir haben einen Planeten, der bereits lebt. Und wir haben das Wissen und die Technik, ihn zu schützen.
Statt also Trillionen in die Terraformung eines tosenden Gesteinsballens zu stecken, können wir hier und jetzt anfangen – mit Dingen, die wir bereits haben:
- Erneuerbare Energien wie Solar und Wind sind inzwischen günstiger als Kohle und Gas.
- Elektromobilität rollt bereits auf unseren Straßen – von Norwegen bis nach China.
- Klimafreundliche Industrieprozesse für Stahl, Zement und Chemie werden bereits erprobt.
- Wälder, Moore und Meere speichern Milliarden Tonnen CO₂ – wenn wir sie schützen und wiederherstellen.
- Politik und Wirtschaft haben sich bereits auf Klimaziele geeinigt – von der EU bis zur Wall Street.
Die EU hat seit 1990 ihre Emissionen um mehr als ein Drittel gesenkt – bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum. Kalifornien hat bewiesen, dass Klimaschutz und Prosperität Hand in Hand gehen. Und selbst Amazon hat sich verpflichtet, bis 2025 mit 100 % erneuerbarer Energie zu arbeiten – und 100.000 elektrische Lieferwagen auf die Straße zu bringen.
Das ist keine Zukunftsmusik. Das ist Gegenwart.
Der größte Irrtum unserer Zeit
Der größte Irrtum unserer Zeit ist der Glaube, wir bräuchten einen „Plan B“.
Aber es gibt keinen zweiten Planeten, den wir in absehbarer Zeit bewohnen können. Mars ist kein Ausweichquartier – er ist ein tosender, kalter Wüstenplanet. Die Erde hingegen ist ein lebendiges, atmendes System, das sich über Milliarden Jahre perfekt auf uns eingestellt hat. Wir haben nicht die Technologie, um einen neuen Planeten zu erschaffen. Aber wir haben die Technologie, um unseren eigenen zu retten.
Was wir tun müssen – und wie einfach das ist
Und das ist viel einfacher, als wir denken.
Es braucht keine Wunder – nur Entschlossenheit. Es braucht keine Science-Fiction – nur konsequente Politik. Es braucht keine Raketen – nur Regenwälder, Solarfelder und Windräder.
Was wir tun müssen? Nicht mehr. Nicht weniger.
- Erneuerbare ausbauen – schnell, flächendeckend und gerecht.
- Fossile Subventionen stoppen – und in Zukunftstechnologien investieren.
- Wälder und Moore schützen – sie sind unsere lebenden Kohlespeicher.
- Klimagerechtigkeit fördern – für Menschen im globalen Süden und in Industrienationen.
- Wählen – und Politiker wählen, die die Wissenschaft ernst nehmen.
Die Zukunft ist nicht auf dem Mars – sie ist hier
Die Zukunft ist nicht auf dem Mars. Sie ist hier. Und sie beginnt heute.
Lassen Sie uns nicht länger von fernen Welten träumen, während unsere eigene brennt. Lassen Sie uns nicht auf Rettung von außen warten, sondern Verantwortung für das Heute übernehmen. Der Mars ist ein faszinierender Planet – aber er ist kein Zuhause. Die Erde ist es. Und sie wartet nicht auf uns.
Also: Lassen Sie uns sie retten. Jetzt. Mit allem, was wir haben.
Quellen:
[1] IPCC Sixth Assessment Report, 2023
[2] European Environment Agency – EU Emissions Trends
[3] Harvard & NASA Study: Silica Aerogel for Mars Habitats (Nature Astronomy, 2019)
[4] California Air Resources Board – Climate Progress Report 2024
[5] Amazon Climate Pledge, 2024
[6] IEA – Renewables 2025 Report
Dieser Artikel darf gerne geteilt werden – aber bitte nicht ignoriert.

Nicht nur Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) ist „sehr unzufrieden mit der Entwicklung bei den erneuerbaren Energien“: Ich bin es auch! Ebenso wie vermutlich viele andere Menschen in Deutschland.
Woran das liegt? Zum einen sind wir dazu verdammt, ohnmächtig dabei zuzuschauen, wie das von Peter Altmaier (CDU) geführte BMWi die Energiewende verschleppt. Nicht genug damit: die dezentrale Energiewende wird durch geeignete Maßnahmen sogar aktiv verhindert!
Da ist es nicht weiter verwunderlich, wenn sich dies auch in messbaren Ergebnissen niederschlägt, beispielsweise im jährlich neu berechneten Klimaschutz-Index (KSI), der einen Vergleich der Klimaschutzleistungen und Fortschritte einzelner Länder ermöglicht.
Das Dokument bescheinigt Deutschland „uneinheitlichen Leistungen in allen Kategorien“ und man kommt deshalb zu einer „mäßigen Bewertung“.
In dem Bericht heißt es: „Die Treibhausgasemissionen und der Energieverbrauch pro Kopf bleiben auf einem vergleichsweise hohen Niveau und sinken nicht schnell genug, um das Land auf einen Emissionspfad zu bringen, der für eine Begrenzung der Erderwärmung auf deutlich unter 2°C notwendig ist.“
Weiter heißt es im Bericht: „Als Teil des Klimapakets hat die deutsche Regierung 2019 ein System zur CO2-Bepreisung für 2021, Verbesserungen des öffentlichen Nahverkehrs und ein Maßnahmenpaket zur Erhöhung Erneuerbarer Energien angekündigt. Obwohl die ExpertInnen diese positiven Signale honorieren, geben sie zu bedenken, dass die Ziele und vorgesehenen Maßnahmen noch nicht ausreichen, um den notwendigen Beitrag zu leisten die Erderwärmung auf deutlich unter 2°C zu begrenzen. Die neu angekündigten Maßnahmen reichen ebenfalls nicht aus, um die Rückschritte im Ausbau der Erneuerbaren – insbesondere bei der Windenergie im Binnenland – auszugleichen.“
Klimaschutz: Keine Besserung in Sicht
Nun stammt das KSI-Dokument, aus dem ich zitiert habe, von Ende 2019. Ist inzwischen Besserung in Sicht?
Nein, das Gegenteil ist der Fall: Derzeit überholen uns andere Länder auf der ganzen Welt beim Klimaschutz! Hier ein paar Meldungen der letzten Tage und Wochen:
- In Großbritannien liegen seit mehr als zwei Monaten alle Kohlekraftwerke still.
Der Ausstieg ist für 2025 geplant. Eventuell wird dieser sogar auf 2024 vorgezogen – ohne Entschädigungen, versteht sich. - Als achtes Land in der Europäischen Union verzichtet Österreich seit April auf Kohlekraftwerke.
Mehrere dieser Länder verfügen übrigens nicht über eine nukleare Stromerzeugung. Was das oft gebrauchte Argument „Wir müssen unsere Kohlekraftwerke so lange laufen lassen, weil wir parallel auch aus der Atomenergie aussteigen“ widerlegt. - Ebenso wie in zahlreichen europäischen Ländern werden in Kanada Kohlekraftwerke 2030 abgeschaltet. Bis dahin möchte das Land 90 Prozent der Elektrizität des Landes aus nachhaltigen Quellen erzeugen.
- Norwegen verbietet Regenwald-Produkte.
- Kalifornien beginnt 2024 mit der Umstellung auf emissionsfreie LKW (mind. 40 Prozent in 2024, 100 Prozent ab 2045).
- Der französische Klimarat (150 zufällig ausgeloste Personen) hat ein Tempolimit von 110 km/h beschlossen, ein Inlands-Flugverbot ab 2025 und ein Werbeverbot für klimaschädliche Produkte.
- Dänemark hat Ende Juni ein ambitioniertes Klimapaket verabschiedet. Ziel: die CO2-Emissionen bis 2030 um 70 Prozent zu senken (gegenüber 1990).
- Vor allem aus wirtschaftlichen Gründen hat Spanien gestern sieben seiner 15 Kohlekraftwerke geschlossen.
Wohlgemerkt: Das sind lediglich einige wahllos herausgegriffene Beispiele für Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen, die in verschiedenen Ländern unlängst ergriffen, beziehungsweise beschlossen wurden – was vor allem jene Zeitgenossen Lügen straft, die nur allzu gerne mit den Worten "Ja, aber die anderen Länder!" Fingerpointing betreiben.
Und was macht Deutschland?
Immerhin hat die Regierung es in diesem Jahr geschafft, den 52-Gigawatt-Solardeckel zu beseitigen: Über einen entsprechenden Artikel im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG, § 49) ist die Höhe der Einspeisevergütung für Photovoltaikanlagen bis zu einer Anlagengröße von 750 Kilowatt geregelt. Bisher reduzierte sich diese Vergütung bei Erreichen von 52 GW installierter Leistung auf Null.
Die Abschaffung des Deckels ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung. Vor dem Hintergrund der Sektorkopplung ist allerdings ein massiver Ausbau erneuerbarer Energien erforderlich. Im Hinblick auf Photovoltaikanlagen bestehen jedoch immer noch zahlreiche Hindernisse:
- Der Ausbau-Korridor („atmender Deckel“) von derzeit 2,5 GW muss auf mindestens 10 GW pro Jahr angehoben werden.
- Damit insbesondere auf 1-/2‑Familien-Häusern möglichst große PV-Anlagen gebaut werden, muss die anteilige EEG-Umlage auf selbst verbrauchten Strom aus Anlagen mit einer Leistung von mehr als zehn Kilowatt abgeschafft werden. Diese ist nach europäischen Recht ohnehin für Anlagen bis 30 kWp unzulässig.
- Um den Zubau von Solarparks zu beschleunigen, muss das jährliche Ausschreibungsvolumen um ein Vielfaches angehoben werden.
- Um deutlich mehr PV-Anlagen auch auf die Dächer von Mehrfamilienhäusern zu bekommen, muss das Mieterstromgesetz vereinfacht werden: In seiner jetzigen Form verhindert es nämlich den Bau von PV-Anlagen auf Immobilien, bei denen der damit erzeugte Strom von mehreren Parteien (Wohnungseigentümer, Mieter) genutzt würde.
Angesichts dieser vielen offenen Baustellen drängt sich die Frage auf, ob und gegebenenfalls welche konkreten Vorstellungen die Bundesregierung hinsichtlich der Energiewende hat.
Der konterkarierte Ausstieg von der Kohleverstromnung
Das Jahr 2020 hat im Hinblick auf den Kohleausstieg bereits ganz schlecht begonnen. So wurde gleich im Januar die Inbetriebnahme von Datteln IV, einem neuen Kohlekraftwerk, beschlossen.
Das neue Kraftwerk Datteln IV (Bild: Maschinenjunge via Wikipedia)
Am kommenden Freitag soll nun das Gesetz zur Reduzierung und zur Beendigung der Kohleverstromung und zur Änderung weiterer Gesetze beschlossen werden.
Mit dem KohleEINstiegsgesetz wird die Förderung und Verstromung von Braunkohle für weitere 18 Jahre festgeschrieben!
Mit diesem Gesetz wird – entgegen dem Gesetzestitel – insbesondere die Förderung von Braunkohle und deren Verstromung für weitere 18(!) Jahre festgeschrieben!
Da überrascht es nicht weiter, dass das Gesetz im Volksmund inzwischen KohleEINstiegsgesetz genannt wird.
Das alles zeigt, dass sich an der im KSI-Bericht beschriebenen Situation wohl auch in diesem Jahr nichts ändern wird. Schade eigentlich!
Egal ob Wirtschaftsvertreter, Populisten oder angebliche Institute/ThinkTanks: Klimawandelleugner (beziehungsweise Klimawandelskeptiker) finden sich in allen drei genannten Gruppen. Entweder wird der menschengemachte Anteil am Klimawandel komplett verleugnet oder mindestens angezweifelt.
Wann und wie hat das eigentlich Einzug in die fossile Brennstoffindustrie gehalten?

„Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft”
–Wilhelm von Humbold, 1767–1835
Ein Comic gibt die Antwort
Alexandre Magnin und Dr. Benjamin Franta sind dieser Frage nachgegangen – und beantworten sie auf unterhaltsame Weise!
Alexandre Magnin ist Nachhaltigkeitsberater, Illustrator und Youtuber.
Ben Franta hat an der Stanford Universität in angewandter Physik promoviert. Seine Forschung konzentriert sich auf die Geschichte der Klimawissenschaft, Klimaleugnung und die Produzenten fossiler Brennstoffe.
Gemeinsam erzählen die beiden die Geschichte des organisierten Leugnens des menschengemachten Anteils am Klimawandel, die in der US-amerikanischen Ölindustrie ihren Anfang nahm.
Inhaltlich kann man das alles nachlesen (zum Beispiel in diesem Blog-Beitrag) oder auch als Dokumentarfilm anschauen (Original mit dt. Untertiteln). Alex und Ben haben die Form eines Comics gewählt (hier geht's zum Original). Was ist der Sinn dahinter?
Ein hollywoodreifer Plot
Inhaltlich geht es um skrupellose Lobbyisten, die seriöse Forscher diffamieren und gezielt Falschinformationen in lancierten Medienkampagnen global verbreiten – also mehr oder weniger ein hollywoodreifer Plot, skandalträchtig und bestürzend zugleich.
Das hat sich niemand ausgedacht. Es geht um skandalträchtige Ereignisse, die tatsächlich stattgefunden haben!
Hier geht es aber nicht um die Verfilmung einer fiktiven Geschichte, sondern um tatsächliche Begebenheiten: die im Comic erwähnten multinationalen Konzerne, Lobbyisten und Wissenschaftler gibt es tatsächlich. Die Lobbyisten sind sogar heute noch aktiv! Übrigens auch hier bei uns in Deutschland, wie die Recherchen von CORRECTIV und Frontal21 belegen.
Ebenso wie die Original-Autoren des Comics halte ich es daher für geboten, diese Machenschaften aufzuzeigen, und dies in allen Medien (Print, Video, Audio) und auf allen Kanälen (Buch, Film, Blog-Beiträge, Social Media, Podcasts, …) zu verbreiten – damit das hoffentlich irgendwann ein Ende hat!
Das Machtungleichgewicht zwischen Konzernlobbyismus und Zivilgesellschaft muss beseitigt werden!

Auch Joachim Ott (Stiftung Europäische Energiewende / EE Magazin) fand diesen Comic toll und entwickelte die Idee zu einer deutschen Version. Die Umsetzung erfolgte dann durch Klaus Müller (Energiewende-Rocken) und mich. Das Ergebnis kann man hier bewundern.
An dieser Stelle könnte der Beitrag eigentlich zu Ende sein.
Für den Fall, dass Du aber auch mal etwas übersetzen musst, beziehungsweise übersetzt haben möchtest (ja, ich bin käuflich!), findest Du nachfolgende einige hoffentlich hilfreiche Hinweise und Erläuterungen zur Vorgehensweise in diesem Projekt.
Translation first!
Die Übersetzung des Comics habe ich komplett übernommen. Was mich dazu befähigt? In meinem „früheren Leben” als Angestellter war ich zeitweise in M&A‑Projekte im Zusammenhang mit Unternehmen in den USA involviert. Von daher würde ich mein Englisch durchaus als "vertragssicher in Wort und Schrift" bezeichnen.
Zudem habe ich acht Jahre in Südostasien gelebt und dort häufig in englischer Sprache kommuniziert, teilweise mit Muttersprachlern. Ich weiß also, woher jemand kommt, wenn er aus „Oz” stammt und kenne – außer der Frucht – mindestens zwei weitere Bedeutungen des Wortes „Kiwi”.
Ferner war ich vor einigen Monaten Teil des großartigen Teams, welches den beeindruckenden Vortrag des australischen Klimawissenschaftler Will Steffen für die Spätere Voice-over-Synchronisation übersetzt hat (hier zu sehen und zu hören). Das hat mir bei der Umsetzung des aktuellen Projekts sehr geholfen.

Jetzt kann es also losgehen! Im ersten Schritt wird der zu übersetzende Text in der Originalsprache (hier: englisch) erfasst. Dieser Vorgang nennt sich „transkribieren”. Je nach Umfang können Scanner und OCR-Programm zum Einsatz kommen. Aufgrund des geringen Umfangs und der im Original verwendeten Schrift, die erfahrungsgemäß Probleme bei der OCR-Erkennung erwarten ließ, habe ich mich für eine manuelle Erfassung entschieden.
In jedem Fall ist es sinnvoll, den Text dabei in einzelne Abschnitte zu unterteilen.
Da der vorliegende Comic einzelne Szenen darstellt, war die Bildung entsprechender Textblöcke mehr oder weniger vorgegeben (beim Vortragsprojekt haben wir die gezeigten Präsentationsfolien und die Video-Timecodes benutzt).
Ist das erstmal erledigt, geht es ans eigentliche Übersetzen. Hilfreich ist hierbei für eine erste Näherung der deutsche Online-Übersetzungsdienst DeepL.
Das entbindet den Übersetzer (also mich) aber keinesfalls davon, dieses erste Ergebnis zu prüfen und zu überarbeiten! Kein Übersetzungsprogramm ist perfekt: Es gibt zahlreiche Fallstricke zu beachten, von denen wir uns einige nachfolgend anschauen.
Ein Übersetzungsprogramm ist hilfreich, ersetzt (derzeit) aber keinen menschlichen Übersetzer
Beginnen wir mit dem Kontext, also der Frage "Was genau wollte der Autor des Originals mit einem bestimmten Satz ausdrücken?". Aufgrund von stilistischen Elementen (Sarkasmus, Ironie, Wortspiel, …) kann es passieren, dass eine wörtliche Übersetzung sinnentstellend wirkt.
Ein weiteres beliebtes Fettnäpfchen sind Fachtermini: man muss das jeweilige Fach (oder die Fächer, im vorliegenden Fall: Klimawissenschaft und Business Administration) beherrschen, also die Fachbegriffe kennen. Das natürlich in beiden Sprachen. Ein Anglistik-Studium allein hilft da nicht unbedingt weiter.
Zudem existiert das weite Feld englischer Sprichwörter. Die muss man ebenfalls kennen, sonst droht Ratlosigkeit: Eine wörtliche Übersetzung ergibt auch hier oft keinen Sinn.
In der Praxis verwendet man einfach das deutsche Pendant. Beispiele gefällig?
Mit „As thick as a brick” ist kein dicker Stein gemeint, sondern wenn jemand "dumm wie Bohnenstroh" ist. In der englischen Sprache schlägt man eben nicht „zwei Fliegen mit einer Klappe”, sondern zwei Vögel mit einem Stein („kill two birds with one stone").
Die letztgenannte Redewendung wird übrigens von DeepL korrekt übersetzt, die erste dagegen wörtlich (also falsch).
Jetzt wird es ernst!
Ist man erstmal mit der Übersetzung durch, geht es ans Eingemachte: In aller Regel hat man nämlich nun ein „Platzproblem”!
Dazu muss man wissen, dass Formulierungen in deutscher Sprache häufig länger sind als das englische Pendant. Für diejenigen, die Englisch grundlegend beherrschen: versucht mal "There are doubts on climate change science" ins Deutsche zu übersetzen – und zwar ohne dafür nennenswert mehr Buchstaben als im englischen Original zu benötigen. Es ist schlichtweg unmöglich!
Wenn ich einen Brief übersetze, mag das tolerierbar sein: Dann wird der Brief in deutscher Sprache halt ein wenig länger.
Anders sieht es natürlich bei vorgegebener Größe (beispielsweise von Sprechblasen, wie im vorliegenden Projekt) oder begrenzter Sprechdauer (wie bei einer Voice-over-Synchronisation) aus.
„Kleiner schreiben", beziehungsweise „schneller sprechen” funktioniert nur in gewissen Grenzen. Darüber hinaus hilft dann nur beherztes Kürzen – natürlich keinesfalls sinnentstellend! Hier kommt dem Übersetzer also eine große Verantwortung zu.
Das Finale: die grafische Bearbeitung
Ist der Text erstmal übersetzt, geht es an die Bearbeitung der Medien. Hierbei sind zwei Fälle zu unterschieden:
- Hat man die Originaldateien (mit zu übersetzenden Texten in einem separaten Layer) vorliegen, ersetzt man einfach den Originaltext durch die Übersetzung – und hofft, dass es grafisch "passt". Falls nicht, muss man halt Anpassungen vornehmen (Schriftgröße, Zeichen-/Wortabstand, …).
- Ohne Original-Dateien (wie bei unserem Projekt), entfernt man im ersten Schritt jegliche Schrift aus den vorliegenden Grafiken. Der vorhandene Text wird also mit der jeweiligen Hintergrundfarbe „übermalt”.
Anschließend wird die Ebene mit der nun „textlosen” Grafik fixiert und darüber eine neue Ebene für den Text eingefügt. In der soeben erstellten Ebene erstellt man dann Textblöcke entsprechend den zuvor erstellten Übersetzungsblöcken. Diese werden im letzten Arbeitsgang noch entsprechend dem Bedarf formatiert.
Nach Abschluss der Arbeiten steht einer Verwendung im Zielmedium, zum Beispiel auf einer Webseite, nichts mehr im Wege!
In diesem Beitrag, der laufend aktualisiert wird, habe ich eine Reihe aus meiner Sicht sehenswerter Filme und Vorträge zu den oben genannten Themen zusammengestellt.

Die Filme und Vorträge habe ich in folgende Kategorien eingeordnet:
- Klimawandel erklärt
Diese Beiträge erklären die physikalischen Grundlagen des anthropogenen (menschengemachten) Klimawandels. - Klimawandel: Welche Ursachen haben dazu geführt und wo führt uns das hin?
Dieser Abschnitt enthält Beiträge, welche die Ursachen des menschengemachten Klimawandels aufzeigen und welche Auswirkungen der Klimawandel heute und in Zukunft für uns haben wird. - Wer und was verhindert #ClimateAction?
In dieser Rubrik geht es um politische Behäbigkeit und um aktive Maßnahmen, mit denen bestimmte Protagonisten versuchen und versucht haben, Maßnahmen gegen den Klimawandel zu verhindern – die Ursachen für die heutige Klimakrise! - Lösungen
Hier geht es um Lösungskonzepte, aber auch konkrete Projekte, die den Klimawandel stoppen.
Viel Spaß beim Anschauen!
Klimawandel erklärt
Was, wenn es kein Eis mehr gäbe?
In dieser Folge der Wissenschaftsreihe 42 – Die Antwort auf fast alles erfahren wir etwas über die grundlegenden Mechanismen beim Klimawandel, warum es Eis an den Polen gibt und welche Auswirkungen das Abschmelzen der Eispanzer hätte.
Klimawandel: Was die Wissenschaft wirklich weiß – und was nicht
Die preisgekrönte Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim und Reporterin Caroline Wiemann wollen wissen: Wie groß ist das Klimaproblem tatsächlich? Wie weit reicht der Konsens in der Klimawissenschaft? Aber auch: Wo endet er?
Und was bedeutet das für das Leben auf unserem Planeten? (WDR)
Was ist Klimawandel?
Ausführlicher Vortrag (90 Min.) von Prof. Dr. Michael Schmitt (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) über die physikalischen Grundlagen des Klimawandels.
Klimawandel einfach erklärt!
Victor Riley vom Kanal klima:neutral erklärt den Klimawandel in weniger als 10 Minuten.
Prof. Dr. Stefan Rahmstorf: Sind Ergebnisse der Klimaforschung Fakt oder Meinung?
Wo stehen wir? Prof. Dr. Stefan Rahmstorf, Klimaforscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, gibt einen aktuellen Einblick in seine Forschung und lässt uns in die Zukunft blicken.
Klimawandel: warum? Und wo führt das hin?
Die Erdzerstörer
Kompromissloser Blick auf die vergangenen 200 Jahre des Industriekapitalismus (Dokumentation, arte)
Erlebnis Erde: Rentiere auf dünnem Eis
Nicht nur die Rentiere haben ein Problem mit dem tauenden Permafrost: Im Boden verbergen sich uralte Viren und Bakterien (zum Beispiel Milzbrandbakterien). Auch verschiedene Tierarten, zum Beispiel Möwen und Eisbären, verändern ihr Verhalte.
Dieser Film zeigt die Veränderungen auf sehr eindrucksvolle Weise. Tolle Bilder!
Die große Wende voraus
Ein beeindruckender und informativer Filmvortrag von Professor Will Steffen über die Tragweite und Dringlichkeit des Klimawandels
Wer und was verhindert #ClimateAction?
Die Story
Wie Energiekonzerne den Klimawandel vertuschen: Die geheimen Machenschaften der Ölindustrie (WDR)
Die #HeartlandLobby – Undercover unter Klimaleugnern
Eine Recherche von CORRECTIV und Frontal21.
Klimawandel – Manipulation statt Information
Ende der 1980er Jahre gelangten die Erkenntnisse über die Gefahr des Klimawandels mehr und mehr in die Öffentlichkeit. Während sie die Klimawissenschaft untermauerten, betrieben einige große Erdölkonzerne und Interessenverbände – wie etwa ExxonMobil oder das American Petroleum Institute – gezielt Lobbyarbeit. Sie manipulierten die öffentliche Wahrnehmung. (ARTE, 2021)
Forschung, Fake und faule Tricks
Ob Asbest, CO2-Emissionen, 5G oder Corona: Im immer hitzigeren Ringen um die Wahrheit kommt der Wissenschaft die fragwürdige Rolle des Meinungsmachers zu, und dazu wird sie nach Belieben beeinflusst, manipuliert und untergraben. Die Reportage zeigt anhand mehrerer großer Umwelt- und Gesundheitsskandale die Strategien zur Instrumentalisierung der Wissenschaft. (ARTE, 2021)
Klimawandel – Die Macht der Lobbyisten
Ende der 1980er-Jahre gelangten die Erkenntnisse über die Gefahren des Klimawandels mehr und mehr in die Öffentlichkeit. Während die alarmierenden Daten der Klimaforschung immer wieder untermauert wurden, betrieben einige große Erdölkonzerne und Interessenverbände offenbar gezielt Lobbyarbeit, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. (ARTE, 2020)
Losing Earth: The Decade We Almost Stopped Climate Change
Beeindruckender einstündiger Vortrag von Nathaniel Rich, Autor des gleichnamigen Buches, welches auch im New York Times Magazine multimedial aufbereitet wurde.
Es geht um die Periode von 1979 bis 1989, in der Wissenschaftler signifikante Erkenntnisse über den Klimawandel gewannen und wie diese von der Politik behandelt wurden.
How the 1989 conference on climate change stranded on the beaches of Noordwijk
Bereits 1989 hat die Politik ernsthaft versucht, etwas gegen die sich zu dem Zeitpunkt anbahnende Klimakrise zu unternehmen. Es hätte fast geklappt!
Dieses Video enthält Original-Aufnahmen von der Klimakonferenz in Noordwijk sowie Interviews mit damals beteiligten Personen (engl. Untertitel).
Lösungen
Klimawandel: Was wir tatsächlich tun können
Der Klimawandel ist ein ernstes Problem. Aber was heißt das für uns? Wie schnell und wie radikal müssen wir handeln? Was kann der Einzelne beitragen? Was nicht? Und welche technischen Innovationen gibt es, die dabei helfen könnten, Verkehr, Industrie, Landwirtschaft und andere Bereiche unseres Lebens künftig möglichst klimaneutral zu gestalten? Mai Thi Nguyen Kim und Caroline Wiemann begeben sich auf die Suche nach den aktuell besten Lösungen für unser Klimaproblem.
Power to Change – Die EnergieRebellion
ist ein deutscher Dokumentarfilm aus dem Jahr 2016 von Carl‑A. Fechner. Er beleuchtet die Notwendigkeit, Möglichkeiten und Vorteile der nachhaltigen Energieversorgung mithilfe von Solarenergie, Windkraft, Wasserkraft und Biomasse anhand von praktischen Beispielen der deutschen Energiewende.
Der Film präsentiert Antworten auf Fragen, die im Zusammenhang mit der erfolgreichen Umsetzung der Energiewende immer wieder aufkommen. So werden Probleme bei der Speicherung von Energie aufgezeigt und mögliche Lösungen präsentiert. Weiterhin greift der Film Themen zur Versorgung (zentral oder dezentral), politische Konzepte, Kosten und weitere Themen in Verbindung mit der Energiewende auf.
Leider ist dieser Film nicht mehr online verfügbar. Er wird jedoch regelmäßig in Programmkinos gezeigt.
Terra Xpress: Umdenken fürs Klima
Mehrere voneinander unabhängigen Kurzbeiträgen weisen auf Auswirkungen der Klimakrise hin, zeigen aber auch Lösungen auf. Themen der verlinkten Folge:
- Die Antwort auf Fichtenwald & Borkenkäfer: Mischwald statt Monokultur
- Klimaneutral leben
- Wie können Erneuerbare Energien gespeichert werden? Beispiele: Salzspeicher, Pumpspeicher, Batterien, E‑Autos, Wasserstoff, therm. Speicher
- Behinderung von Agri-Photovoltaik & Mieterstrom durch absurde gesetzliche Regelungen
Derzeit wird ja allerorts vor der angeblich drohenden Blackout-Gefahr gewarnt. In diesem Zusammenhang ist auch gerne von der „gescheiterten Energiewende“ die Rede und der deutsche Atomausstieg wird wieder thematisiert.
Auch Roland Tichy, Gründer der neurechten Plattform Tichys Einblick, diskutiert in einer Folge seines Talk-Formats Tichys Ausblick Talk („Energiewende ausgeträumt – droht jetzt der Blackout?“) mit seinen Gästen über all diese Themen.
Ich habe mir das deshalb angeschaut und räume nachfolgend mit einigen der in diesem Video besprochenen Narrative auf, die auch an anderen Stellen gerne propagiert werden.

Das in allen Talk-Sendungen von Tichy gewählte Setting (in einer Hotel-Suite) hat für mich rein optisch immer etwas von einem konspirativen Treffen. Also im Sinne von einer Kneipe, in der im Hinterzimmer irgendwelche Kungeleien ablaufen – und wir Zuschauer dürfen exklusiv Zeugen sein. Wer sich selbst ein Bild machen möchte: am Ende des Beitrags befindet sich der Link zum Video. Für das Textverständnis ist das jedoch unwichtig. Man muss sich das also nicht zwingend anschauen.
Dieser Beitrag behandelt folgende Themen und Fragestellungen, die auch in der Sendung angesprochen werden:
- Tichys Gäste
- Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie
- Steht uns ein „Klima-Lockdown“ bevor?
- Verfügbarkeit von Kernkraftwerken
- Sagt der IPCC wirklich „Deutschland braucht Kernenergie“?
- Nordstream II „um Deutschland herumführen“?
- CO₂-Abscheidung ist in Deutschland verboten – und das aus gutem Grund!
- Vahrenholt versteht den CO₂-Preis nicht
- Verfehlte Energiepolitik
- Der Flächenbedarf von Windkraftanlagen
- Strombedarf 2050
- Verändern Windparks das Klima?
- Wieviel Volllaststunden liefern Windenergieanlagen?
- Solarenergie, Speicher und Synergien im neuen Energiesystem
- Elektromobilität
- Stromimporte
- Grünstrom-Zertifikate
- Ausblick
- Fazit
Tichys Gäste
Wie immer, stellt Roland Tichy zunächst die Gäste der jeweiligen Sendung vor. Wer sitzt da also mit am Tisch?
Prof. Dr. Fritz Vahrenholt war Umweltsenator in Hamburg, wechselte dann in die Energiewirtschaft (zuerst zur deutschen Tochter des Öl- und Gaskonzerns Shell, dann als Vorstandschef zu einem Windkraftanlagen-Hersteller, zuletzt zur Ökostromsparte von RWE). Danach machte er einen seltsamen Wandel zum Klimafaktenleugner durch.
Tichy weist im Rahmen von Vahrenholts Vorstellung darauf hin, dass Vahrenholt „die deutsche Wildtierstiftung groß gemacht hat“.
Was Tichy nicht sagt, reiche ich der Vollständigkeit halber an dieser Stelle nach: ebendiese Wildtierstiftung hat sich 2019 von Vahrenholt getrennt, wegen „unterschiedlicher Vorstellungen über die Positionierung der Stiftung in der aktuellen klimapolitischen Diskussion“. Nunja…
Albert Duin ist Unternehmer, FDP-Politiker und seit Oktober 2018 bayerischer Landtagsabgeordneter. Er ist außerdem Mitglied von Nuklearia e. V. Der Verein propagiert die Nutzung der Atomenergie als wesentlichen Bestandteil der Energieversorgung, da er Erneuerbare Energien als nicht ausreichend und unzuverlässig ansieht. Er arbeitet auf eine Revison des Atomausstiegs hin, damit der Bau und Betrieb neuer Reaktoren möglich wird.
Frank Henning, Diplomingenieur für Kraftwerksanlagen und Energieumwandlung, war viele Jahre in Kohlekraftwerken eines großen Versorgers beschäftigt (u. A. Jänschwalde) und schreibt heute Bücher (Dunkelflaute", ) und auch für Tichys Einblick, zum Beispiel die Serie "ABC des Energiewende- und Grünsprech". Was er von der Partei DIE GRÜNEN und der Energiewende im Speziellen hält, dürfte damit klar sein.
Zwischen den Gästen entwickelt sich – von Tichy moderiert – ein Gespräch auf Stammtisch-Niveau: da werden munter Anekdoten, Fakten und Fiktion vermischt und unbelegte Tatsachenbehaupten in den Raum gestellt.
Da es sich um ein YouTube-Format handelt, wäre es für Tichy ein leichtes, ein Factsheet mitzuliefern, wie zum Beispiel der Video-Blogger Rezo das macht. Aber das ist wohl aus gutem Grund nicht gewollt, denn dann würden schnell die Umgereimtheiten bei den Gesprächsinhalten offensichtlich.
Macht aber nix: ich reiche das hiermit gerne nach.
Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie
Vahrenholt ist angesichts steigender Energiepreise besorgt um die Wettbewerbsfähigkeit der mittelständischen und der energieintensiven Industrie. Er stellt fest, dass es für Rohstoffe wie Kupfer, Stahl und Aluminium einen Weltmarktpreis gibt und sieht ein Problem wegen der aktuellen Energiepreissteigerungen hierzulande. Als Begründung führt er die derzeitige Verdreifachung des Gaspreises an (Hallo? Ist das etwa kein Weltmarktpreis?) sowie den „dramatischen Anstieg des CO₂-Preises“ (gemeint ist hier der Preis für EU-ETS-Zertifikate).
Unerwähnt lässt er allerdings den am 14. Juli 2021 von der EU beschlossenen und ab 2026 gültigen Mechanismus zur Anpassung der CO2-Grenze, den „Carbon Border Adjustment Mechanism“ (CBAM). Der CBAM wird den CO2-Preis zwischen einheimischen Produkten und Importen angleichen und sicherstellen, dass die Klimaziele der EU nicht durch Produktionsverlagerungen in Länder mit weniger ehrgeiziger Politik untergraben werden.
Vahrenholts Sorgen sind also höchstens von temporärer Natur, denn die Lösung ist seitens der EU bereits beschlossen.
Steht uns ein „Klima-Lockdown“ bevor?
Im Anschluss kommt Vahrenholt auf das „außerordentlich schwache Windjahr“ zu sprechen.
Er erwartet, dass es vor dem Hintergrund der bevorstehenden Abschaltungen von Kohle- und Kernkraftwerk zu einer „Strommangelwirtschaft“ kommt und zu „Abschaltungen, weil es nicht zu jeder Zeit Versorgungssicherheit geben kann“. Die Argumentationslinie gipfelt dann in einem aufgeregten „Klima-Lockdown“. Aber wie realistisch ist das?
Die Prognos AG beantwortet diese Frage in der Kurzstudie Klimaneutralität und Versorgungssicherheit im Strommarkt. Das Fazit der Kurzstudie lautet:
Die Szenarien von KNDE [Anm.: Studie Klimaneutrales Deutschland] weisen bis 2030 und darüber hinaus eine hohe Versorgungssicherheit auf dem Strommarkt auf. Dies geht zum einen aus den Strommarktmodellierungen von Prognos AG hervor. Zum anderen geht dies ebenfalls aus einem Vergleich der Eingangsparameter mit der detaillierten Untersuchung von r2b et al (2019) hinsichtlich der Versorgungssicherheit auf dem Strommarkt hervor. Die Versorgungssicherheit auf dem Strommarkt wird bei einem ambitionierten Energiewende-Szenario insbesondere durch eine Flexibilisierung der Nachfrage über neue Stromverbraucher, das hohe Maß an europäischen Austauschkapazitäten sowie durch den Aufbau regelbarer Kraftwerksleistung ermöglicht.
Kurzum: Es gibt kein Problem, sofern die neue Regierung für Demand Side Management (DSM), europäische Austauschkapazitäten und regelbarer Kraftwerksleistung sorgt (und natürlich den Ausbau Erneuerbarer Energien beschleunigt). Was übrigens die bisherige Regierung bereits hätte machen können!
Wenn man im Hinblick auf diese Zukunft von regelbarer Kraftwerksleistung spricht, geht es regelmäßig um Gaskraftwerke – egal, ob diese nun mit Biogas, Erdgas, beziehungsweise später mit Wasserstoff betrieben werden. Da im weiteren Verlauf der Diskussionsrunde der Preisaspekt angesprochen wird, sei bereits an dieser Stelle angemerkt, dass auch das kein Problem darstellt: führende Experten auf dem Gebiet (Prof. Huber, TU München und Marco Wünsch von der Prognos AG) sind sich einig, dass die Kosten für entsprechende „Gas-Peaker“, also Gas-Kraftwerke, die nur in Ausnahmesituationen laufen, umgelegt auf die Kilowattstunde Strom 0,5 Cent nicht übersteigen:
Ja, mit mit 0,5 Cent/kWh hätte man bei 600 TWh Stromverbrauch 3 Mrd. Euro pro Jahr. Damit könnte man mehrere dutzend GW Kraftwerke vorhalten.
— Marco Wünsch (@MarcoWuensch) October 5, 2021
Verfügbarkeit von Kernkraftwerken
Kommen wir zum nächsten Highlight: Albert Duin und die Kernkraft, insbesondere deren Verfügbarkeit. Klar, als Nuklearia-Mitglied (warum schreitet er eigentlich nicht ein, als Tichy sich abfällig über Nuklearia äußert?) muss er natürlich das Thema Verfügbarkeit, beziehungsweise Volllaststunden pro Jahr bringen.
Unter anderem das von ihm angeführte „bisschen Renovierung und bisschen Servicezeiten“ sorgt allerdings dafür, dass die deutschen Kernkraftwerke eine Verfügbarkeit von weniger als 90% haben, resultierend in 7.700 Volllaststunden pro Jahr (Zahlen aus 2018) statt der maximal möglichen und im Beitrag genannten 8.760 Stunden.
Hier eine entsprechende grafische Darstellung (Quelle: DIW):

Hinzu kommt: Zunehmende Hitzesommer mit daraus folgenden niedrigen Flusspegeln und zu warmes Flusswasser haben bereits in der Vergangenheit dazu geführt, dass Kernkraftwerke in Ihrer Leistung gedrosselt oder sogar komplett abgeschaltet werden mussten. Die absehbaren Entwicklungen werden zukünftig die Verfügbarkeit und Leistung deutscher Kernkraftwerke weiter reduzieren.
Ein weiteres Problem ist das zunehmende Alter der verbliebenen deutschen Meiler. Dieses reduziert nicht nur die Verfügbarkeit, sondern sorgt auch für ein erhöhtes Sicherheitsrisiko. Ein Beleg dafür sind etwa die Probleme mit den Dampferzeugerheizrohren im Kernkraftwerk Neckarwestheim.
Kurzum: Die Verfügbarkeit der verbliebenen deutschen Kernkraftwerke ist lange nicht so hoch, wie Albert Duin suggerieren möchte und würde zukünftig aus verschiedenen Gründen weiter abnehmen.
Sagt der IPCC wirklich „Deutschland braucht Kernenergie“?
Es folgt der Auftritt von Frank Henning: Nachdem er der Politik eine „besondere Form der Realitätsverweigerung“ unterstellt, bringt er in dieser Runde die Sprache auf den IPCC, also den Weltklimarat. Es wird auch in dieser Runde das Argument bemüht „Der IPCC sagt, wir brauchen Kernenergie“.
Gefühlt höre ich das zum 100. mal. Aber auch, wenn man eine Lüge hundert Mal wiederholt, wird sie davon nicht wahr!
Es geht um den Bericht AR5 Climate Change 2014: Mitigation of Climate Change, Kapitel 7 (2014) und den in 2018 erschienenen Sonderbericht über 1,5 °C globale Erwärmung (SR1.5), Kapitel 2. Konkret geht es darum, wie die Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts auf Null gesenkt werden können.
Hier wird von Atomkraft-Befürwortern regelmäßig eine Grafik und Textpassagen ins Spiel gebracht, die angeblich aufzeigen sollen, dass "in allen Szenarien Kernkraft ausgebaut wird". Genau das ist aber nicht der Fall!
Eine entsprechende Textpassage (aus SR 1.5) lautet wie folgt:
Nuclear power increases its share in most 1.5°C pathways with no or limited overshoot by 2050, but in some pathways both the absolute capacity and share of power from nuclear generators decrease (Table 2.15). There are large differences in nuclear power between models and across pathways (Kim et al., 2014; Rogelj et al., 2018). One of the reasons for this variation is that the future deployment of nuclear can be constrained by societal preferences assumed in narratives underlying the pathways (O’Neill et al., 2017; van Vuuren et al., 2017b). Some 1.5°C pathways with no or limited overshoot no longer see a role for nuclear fission by the end of the century, while others project about 95 EJ yr−1 of nuclear power in 2100 (Figure 2.15).
Übersetzt bedeutet das, dass die meisten Entwicklungspfade zu einem Ausbau der Kernenergie führen, manche jedoch zu einer Abnahme. Als einer der Gründe werden "gesellschaftliche Präferenzen" angegeben.
Interessant ist auch noch der Hinweis, dass in manchen Entwicklungspfade gegen Ende des Jahrhunderts gar keine Kernspaltung mehr vorkommt.
Zu beachten ist ferner, dass es sich bei den IPCC-Szenarien immer um eine globale Betrachtung handelt, also über alle Länder hinweg. Offensichtlich haben sich manche Länder für den Einsatz von Kernkraft entschieden, andere dagegen (darunter auch Deutschland). Beides widerspricht nicht den Aussagen des IPCC. Wer das also vorsätzlich konstruieren will,… führt gewiss etwas im Schilde!
Der IPCC fordert an keiner Stelle, dass Deutschland an Kernenergie festhalten oder gar Kernkraftwerke bauen muss.
Nordstream II „um Deutschland herumführen“?
Nun geht es etwas thematisch durcheinander, ich versuche das mal zu sortieren.
Zunächst stellt Vahrenholt die These in den Raum, dass man die Erdgas-Pipeline Nordstream II um Deutschland herumführen müsse, wenn man in Deutschland kein Erdgas nutzen will – was offensichtlich völliger Quatsch ist.
Ferner postuliert er, dass wir „mit dem Verbrennen des gesamten Gases dieser Pipeline 100 Mio. Tonnen CO₂ produzieren“ würden. Das Problem daran: niemand will das! Das Gas aus Nordstream II würde vielmehr an Verbraucher in ganz Europa geliefert.
CO₂-Abscheidung ist in Deutschland verboten – und das aus gutem Grund!
Vahrenholt möchte CCS (Carbon Capture & Storage, Kohlenstoffabscheidung und ‑speicherung) in fossile Kraftwerke einbauen. Das ist jedoch aus mehreren Gründen nicht sinnvoll.
Zum einen dient diese Technologie der Verlängerung der Nutzung fossiler Brennstoffe, was aus offensichtlichen Gründen nicht sinnvoll ist: wir müssen davon komplett weg!
Andererseits lässt sich damit laut Wissenschaftlern eine Abscheidungsrate von 65–80 Prozent erreichen. CCS in fossilen Kraftwerken bedeutet also nicht, dass die gesamten CO₂-Emissionen abgeschieden werden.
Im Übrigen ist die CCS-Technologie auch nicht ausgereift. Das kann man sehr schön beim Gorgon-Projekt in Australien sehen: Als Chevron die Genehmigung für seine 54 Milliarden Dollar teure Gorgon-Flüssiggasanlage erhielt, versprach das Unternehmen, 100 Millionen Tonnen Treibhausgasemissionen in einer der weltweit größten CCS-Anlagen zu speichern.
5 Jahre später, im Juli 2021, musste Chevron, das Gorgon zusammen mit ExxonMobil, Royal Dutch Shell und einer Reihe japanischer Konzerne betreibt, eingestehen, dass es die Anforderungen, 80 Prozent der in den ersten fünf Betriebsjahren anfallenden Emissionen wegzusperren, nicht erfüllt hat.
Chevron machte technische Herausforderungen und eine dreijährige Verzögerung der CCS-Operationen verantwortlich, erklärte jedoch, dass das Unternehmen mit der Injektion von 5 Mio. Tonnen CO2-Äquivalent in riesige Sandsteinbecken unter Barrow Island vor Westaustralien seit 2019 einen „bedeutenden Meilenstein“ erreicht habe.
Noch ein paar Worte zum Einsatz in Deutschland: CCS werden wir in der Zukunft in nicht oder nur schwer dekarbonisierbaren Bereichen (Müllverbrennung, Zement, Chemie) gewiss brauchen. Da die Technologie aber auch Energie benötigt, ist es sinnvoll, diese erst dann einzusetzen, wenn die Stromerzeugung nahezu vollständig dekarbonisiert ist.
Weitere ausführliche Informationen zum Thema sind auf dieser Seite des Umweltbundesamtes zu finden.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch das Umweltgutachten 2020 des Sachverständigenrats für Umweltfragen (Umweltrat), in dem verschiedene Verfahren zur Erzielung negativer Emissionen ausführlich diskutiert werden (S. 62ff.):

CCS ist also derzeit aus gutem Grund verboten. Die Technologie kann jedoch möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt sinnvoll sein.
Vahrenholt versteht den CO₂-Preis nicht
Vahrenholt konstatiert, dass sich bei einem CO₂-Preis von 195 €/t der Strompreis verdreifacht. Das ist völliger Quatsch!
Der deutsche Strompreis ist ausschließlich von Zertifikaten des EU-ETS abhängig. Der Preis für ein solches Zertifikat liegt derzeit (Mitte Oktober) bei ca. 60 Euro (Quelle). Bis hierher liegt Vahrenholt also richtig.
Wenn aber laut Vahrenholt „DIE GRÜNEN und Frau Neubauer 195 Euro pro Tonne CO₂“ fordern (Wo tun sie das? Ich kann jedenfalls keine Quelle dafür finden!), kann sich das nur auf den nationalen Zertifikatehandel beziehen. Denn nur hier wird der Zertifikatspreis von der Bundespolitik bestimmt. Der nationalen Zertifikatehandel ist im Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG) geregelt und betrifft Emissionen, die eben nicht dem europäischen Emissionshandel unterliegen. Und damit hat er auch keinerlei Einfluss auf den Strompreis!
Das Umweltministerium erklärt es so:
Der im Januar 2021 neu in Kraft getretene nationale Zertifikatehandel umfasst grundsätzlich alle in Verkehr gebrachten fossilen Brennstoffe, also vor allem Benzin, Diesel, Heizöl und Erdgas. Der CO2-Preis betrifft somit insbesondere die Bereiche Wärme (Gebäude) und Verkehr. Für große Teile der Industrie und die Energiewirtschaft gibt es mit dem Europäischen Emissionshandel (EU-ETS) bereits einen Preis für den Ausstoß von CO2. Die vom ETS umfassten Unternehmen sind folglich vom nationalen Zertifikatehandel nicht betroffen.
Will man Emissionen wirklich verursachergerecht bepreisen (und was sollte bittesehr dagegen sprechen?), sind die von Vahrenholt genannten 195 €/t übrigens noch deutlich zu wenig: Realistisch erscheint laut Umweltbundesamt ein Preis in Höhe von 680 €/t.
Ein weiterer Aspekt, den Vahrenholt geflissentlich verschweigt: die meisten Parteien, die einen höheren CO2-Preis fordern, fordern gleichzeitig ein Klimageld/eine Klimaprämie. Das bedeutet, dass eingenommene Geld wird wieder ausgeschüttet, und zwar pauschal pro Kopf. Dadurch möchte man gerade die von Vahrenholt angeprangerten Zumutungen an Arbeitnehmer und Bürger vermeiden, sofern deren Emissionen auf einem normalen Niveau liegen: Wer wenig emittiert, bekommt etwas heraus. Wer viel emittiert, zahlt drauf.
Der EU-ETS-Zertifikatehandel und der nationale CO₂-Zertifikatehandel sind zwei völlig unterschiedliche Systeme und völlig unabhängig voneinander.
Verfehlte Energiepolitik
Es wäre lustig, wenn es nicht so traurig wäre! Was ich meine: das Jammern, dass Kohlekraftwerke nach dem Kernenergieausstieg weiterbetrieben werden. Wo waren denn diese Stimmen, als die Große Koalition aus CDU und SPD ab 2011 beim Ausbau der Erneuerbaren Energien massiv auf die Bremse getreten haben? Dabei ging es doch letztendlich um Protektionismus, nämlich von RWE & Co. Das können wir heute auch an vielen anderen Handlungen festmachen.
Das hat gekostet, nämlich zwischen 2011 und 2019 nachweislich 117.000 Arbeitsplätze.
Es hat zudem dazu geführt, dass heute der Ausbau von Photovoltaik- und Windenergieanlagen nicht weiter fortgeschritten ist.
Was wir heute sehen, ist also das Ergebnis der verfehlten Energiepolitik in den letzten zehn Jahren!
Der Flächenbedarf von Windkraftanlagen
Vahrenholt möchte uns einreden, dass aufgrund einer unsinnigen Flächenberechnung heute nicht 0,9% der Fläche der BRD mit WKA bebaut sind, sondern bereits 5%. Das ist einfach nur lächerlich!
Bei der Flächenberechnung im Zusammenhang mit Windenergieanlagen (WEA) legt man für jede WEA eine Ellipse zu Grunde, die aus dem 5‑fachen Rotordurchmesser in Hauptwindrichtung und dem 3‑fachen Rotordurchmesser in Nebenwindrichtung gebildet wird. Das Verfahren ist detailliert in diesem Dokument des Umweltbundesamtes beschrieben (Kap. 4.1).
Die Aussage „Heute sind 0,9% der Fläche der BRD mit Windenergieanlagen bebaut“ ist korrekt.
Strombedarf 2050
Es geht auf dem Niveau weiter: laut Vahrenholt brauchen wir gegenüber heute "die 10-fache Menge Strom" (wegen Sektorkopplung). Nun, der Stromverbrauch heute (2020) beträgt 488,4 TWh. Lt. Vahrenholt würden wir also am Ende 4.884 TWh benötigen (und deshalb 50 Prozent der Landesfläche mit Windenergieanlagen zu bauen). Ist das realistisch?
Ein Beispiel: Die Studie Wege zu einem klimaneutralen Energiesystem des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme kommt – je nach Szenario – auf einen Bedarf zwischen 1750 TWh und 2500 TWh. Andere Studien liegen zum Teil deutlich darunter. Wir benötigen also ein mehrfaches an Strom, jedoch keinesfalls die 10-fache Menge.
Bei der Sektorkopplung ersetzen wir fossile Energieträger durch Strom, also Wärmepumpe statt Öl-/Gasheizkessel, Elektroautos statt Verbrennungsmotoren, usw. Das führt zu erheblichen Effizienzgewinnen, da Wärmeverluste vermieden werden. Im Ergebnis müssen wir viel weniger Energie importieren! Zur Einordnung: Deutschland gibt heute zwischen 60 und 100 Milliarden Euro (abhängig von Marktpreisen und Strenge des Winters) für den Import fossiler Energieträger (Öl, Gas, Kohle) aus.
Durch die Sektorkopplung steigt zwar die benötigte Strommenge gegenüber heute auf das 3‑fache, der Energiebedarf insgesamt sinkt jedoch.
Verändern Windparks das Klima?
Onshore-Windparks haben einen Einfluss auf das Mikroklima (also das Klima im Windparkl selbst und in seiner unmittelbaren Umgebung). Drei amerikanische Forscher haben dazu eine Meta-Studie zusammengestellt, also zahlreiche Studien zum Thema zusammengetragen. Eine sehr gute und lesenswerte Einordnung findet sich auch hier. Die wichtigsten Takeaways:
- Die Studien werden von anderen Wissenschaftler nicht als Argument gegen den Ausbau der Windkraft bewertet
- In Städten ist es aufgrund der Versiegelung zwischen 0,5 und 6(!) Grad wärmer als im Umland
- Kohlekraftwerke verändern nicht nur das globale Klima durch den CO₂-Ausstoß, sie verändern auch das lokale Klima und begünstigen Extremwetterlagen
Im Gegensatz zu diesen Fakten nimmt uns Vahrenholt jetzt vollends ins Reich der Märchen und Fabeln mit:
„Wir machen eine Technologie zur Bekämpfung des Klimas – und bringen die Hälfte der Erwärmung wieder zurück durch Windenergie"
Bereits dieser Satz ist pures Gold! Denn nach dieser Logik ist Vahrenholt wohl sehr nah dran am Perpetuum Mobile: Windenergieanlagen (WEA) würden demzufolge nämlich nicht nur Strom erzeugen, sondern auch noch Umgebungswärme. Das dürfte dann in toto mehr Energie sein, als dem Wind an kinetischer Energie entzogen wurde.
Aus dieser Erwärmung, in Kombination mit dem angeblichen Strombedarf (siehe oben), leitet Vahrenholt im nächsten Schritt ab, dass ein „Windpark Deutschland“ entsteht und „alle 1.000 Meter ein Windrad steht“. Sorry, was der Mann da von sich gibt, ist einfach nur peinlich!
Zur Einordnung hier mal ein Auszug aus einem Statement des KNE (Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende) zum Thema:
Aktuell vorliegende Studienergebnisse kommen zu dem Ergebnis, dass der Strombedarf im Jahr 2050 zwischen etwas mehr als dem Heutigen (rund 620 Terrawattstunden) bis zum Doppelten des Heutigen (1.000 Terawattstunden) beträgt. Dies würde bedeuten, dass zwischen 37.000 und etwa 65.000 Windenergieanlagen benötigt werden. Spekulationen und Angstszenarien von 300.000 Windenergieanlagen bis 2050 kann somit schon jetzt klar entgegengetreten werden.
Nichtsdestotrotz wiederholt Vahrenholt seinen Unsinn nochmal mit anderen Worten, wohl damit es beim Zuschauer auch hängenbleibt: „Dann haben wir im Abstand von einem Kilometer Windtürme, dann haben Sie in ganz Deutschland bis zu 0,5 Grad mehr Wärme, Trockenheit, Dürre“ – Wow, das ist ja nun nicht mal mehr Stammtischniveau!
Wieviel Volllaststunden liefern Windenergieanlagen?
Albert Duin erwähnt, dass WEA heute durchschnittlich 1.700 Volllaststunden pro Jahr erreichen. Das ist über den gesamten Bestand absolut korrekt.
Dies wird auch untermauert durch eine Grafik aus der Studie "Volllaststunden von Windenergieanlagen an Land" in welcher die Volllaststunden nach Anlagenjahrgängen aufgeschlüsselt sind:

Dennoch ist es nur die halbe Wahrheit: Der Wert wird zukünftig signifikant steigen. Das Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme schreibt dazu:
Einen deutlichen Kontrast zu den vom deutschen Anlagenbestand erreichten Volllaststunden bilden die erwarteten mittleren Volllaststunden der in 2018 neu errichteten WEA. Mit 2788 Stunden liegen die erwarteten Volllaststunden der neuen WEA um den Faktor 1,67 höher als das 10-Jahres-Mittel des Anlagenbestandes.
Woran das liegt, ist schnell erklärt: neuere Anlagen werden immer höher. In größerer Höhe weht der Wind konstanter. Daraus ergeben sich mehr Volllaststunden. Die größere Nabenhöhe erlaubt zudem größere Rotordurchmesser. Das führt zu einem erheblich höheren Ertrag einer WEA.
Neuere WEA erreichen eine deutlich höhere Anzahl Volllaststunden und damit einen höheren Ertrag, da sie über einen größeren Rotordurchmesser verfügen, höher sind und in der größeren Höhe der Wind beständiger weht.
Solarenergie, Speicher und Synergien im neuen Energiesystem
Tichy bringt nun Solarenergie ins Spiel, Vahrenholt stellt dazu zunächst fest, dass 25% des Stroms privat verbraucht werden, 75% Strom dagegen im Non-Residential-Bereich – das stimmt.
ABER: haben Gewerbeobjekte keine Dächer? Ergo kann man natürlich auch auf den Dächern eines großen Teils der 75% ganz vorzüglich Strom erzeugen! Und was ist mit Agri-PV (Photovoltaik über Feldern)? Auf Dächern von Parkplätzen und Verkehrswegen? Und der Hülle von Gebäuden (ja, Fassade geht heute auch!) und Fahrzeugen?
Effizienz von Energiespeichern
Danach arbeitet er sich an den Speicherverlusten ab („Sie verlieren auf dem Wege aber 2⁄3 der Energie“).
Schauen wir uns diese genau an. S&P Global Market Intelligence fasst das in folgenden Worten zusammen:
„The technology to convert power to hydrogen and back to power has a round-trip efficiency of 18%-46%, according to data that Flora presented from the Massachusetts Institute of Technology and scientific journal Nature Energy. In comparison, two mature long-duration technologies, pumped-storage hydropower and compressed air energy storage, boast round-trip efficiencies of 70%-85% and 42%-67%, respectively. Flow batteries, a rechargeable fuel cell technology that is less mature, have a round-trip efficiency of 60%-80%.“
Wir können also einerseits davon ausgehen, dass die von Vahrenholt propagierten 2⁄3 Verluste auf veraltetem Zahlenmaterial beruhen. Ich möchte aber außerdem auf den signifikant höheren Wert für Flussbatterien hinweisen. In China entsteht gerade eine solche Batterie.
Synergieeffekte nicht vergessen!
Was alle in der Runde völlig außer acht lassen, sind Synergieeffekte. Ich muss den mit Solaranlagen gespeicherten Strom nicht zwingend in der Nacht bereitstellen, sofern da der Wind weht. Das ist beispielsweise im Winterhalbjahr oft der Fall. Im Sommer weht dagegen weniger Wind, dafür ist die Anzahl Sonnenstunden/Tag höher. Sonne und Wind ergänzen sich also ganz hervorragend!
Wir sollten auf unserem Weg zu 100% Erneuerbarer Energie auch Biogas, Wasserkraft und andere Technologien nicht unberücksichtigt lassen. Das Thema wird sowohl auf globaler, auf europäischer und auch auf deutscher Ebene schon seit längerem diskutiert (SRU 2011; Henning und Palzer 2012; Jacobson u. a. 2017; Walter u. a. 2018; Bartholdsen u. a. 2019; Hainsch, Göke, u. a. 2020; Gerhards u. a. 2021). Hier ein Beispiel für eine Studie, die das Thema eingehend beleuchtet.
Es existieren zahlreiche Studien, die belegen, dass ein Energiesystem aus 100 % Erneuerbaren Energien in Deutschland aus technischer Sicht problemlos realisierbar ist. Die Frage ist also nicht mehr ob, sondern nur noch wie.
Elektromobilität
Frank Henning behauptet, dass man sich in anderen Ländern „verkalkuliert“ hat. Als Beispiele führt er Californien und Großbritannien an, wo ein neues Gesetz dafür sorgt, dass Elektroautos ab Mai 2022 zu bestimmten Zeiten nicht mehr an privaten Ladesäulen geladen werden können. Wie unsinnig dieses Argument ist, wird in diesem Beitrag sehr gut erklärt, deshalb erspare ich mir weitere Ausführungen zum Thema.
Reicht der Strom?
Und nun schlägt die Stunde von Albert Duin: 18 TWh für 10 Mio. Elektroautos: Glückwunsch, richtig gerechnet – allerdings erst in 10 Jahren! Diese 18 TWh sind noch nicht mal 4% unseres heutigen Stromverbrauchs. Der Ausbau ist dann wohl zu schaffen (für alle Neugierigen, die es ganz genau wissen wollen: Jan Hegenberg hat sich hier des Themas angenommen – auf seine unnachahmliche, sehr unterhaltsame Weise. Und sogar Vahrenholt räumt ein: „Es überrascht, wie wenig Strom man dann wirklich braucht“ – nur um dann mit dem Gleichzeitigkeitsproblem aufzuwarten, welches er anscheinend sieht: "Alle stecken dann um 17 Uhr ein, wenn sie nach Hause kommen".
Ich formuliere es mal so: wenn heute um 17 Uhr auf dem Heimweg 10 Mio. Autos an den knapp 15.000 Tankstellen in Deutschland tanken würden: wie lang da wohl die Schlangen wären?
Ein anderes Beispiel: wenn alle Menschen in Deutschland morgens gleichzeitig den Toaster und die Kaffeemaschine einschalten würden oder mittags den Elektroherd oder den Backofen, würde das deutsche Stromnetz zusammenbrechen. Nur: es passiert nie!
Weder ist der Strombedarf von Elektroautos ein perspektivisches Problem, noch ein etwaiger Gleichzeitigkeitseffekt beim Laden.
Subventionen für Elektroautos
Nun öffnet Albert Duin die Büchse der Pandora: Subventionen!
Subventionierte Elektroautos sind für ihn ein Problem? Wo war denn der Aufschrei bei der Abwrackprämie 2009 (die nachweislich für die deutsche Automobilindustrie nix gebracht hat, wie man heute weiß)? Oder bei der ebenfalls unsinnigen, gerade eingeführten LKW-Abwrackprämie (die gibt's auch für neue Verbrenner)?
Stromimporte
Frank Henning merkt an, dass es uns bei Importstrom völlig egal sei, wie der hergestellt wird. Stimmt, das kann es auch: alle anderen Länder der EU müssen – ebenso wie Deutschland – ihre Emissionen reduzieren. Das bedeutet, auch dort wird der Strom zunehmend sauberer.
Zum Thema Importstrom allgemein: bis dato exportieren wir mehr Strom (aktuell 20 TWh p.a.), als wir importieren. Dazu ein Auszug aus der entprechenden Statistik für das Jahr 2020:
Beim Außenhandel mit Strom wurden bis einschließlich Oktober 34,9 TWh zu einem Wert von 1,5 Mrd. Euro eingeführt. Die Ausfuhr
lag bei 45,2 TWh und einem Wert von 2,05 Mrd. Euro. Im Saldo ergibt sich für die ersten zehn Monate ein Exportüberschuss von 10,3
TWh und Einnahmen im Wert von 549 Mio. Euro. Eingeführter Strom kostete durchschnittlich 42,87 Euro/MWh und ausgeführter
Strom 45,27 Euro/MWh.
Grünstrom-Zertifikate
Das mit dem Zertifikatehandel für grünen Strom (ob nun aus Island oder Norwegen) stimmt leider. Ich halte das ebenfalls auch für Betrug!
Hierzu ein sehr guter Beitrag des WDR zum Thema.
Ausblick
Frank Hennig liegt da völlig richtig: wir brauchen schnellstens 30 – 40 GW Gaskraftwerke (das diese nicht sehr teuer sind, hatte ich weiter oben bereits erläutert) – und natürlich mindestens einen 3–4‑fachen Ausbau erneuerbarer Energien.
„Rationiert werden“ muss Strom m. W. nicht, aber wir brauchen Demand Side Management (DSM). Was das genau bedeutet, ist auf dieser Seite recht gut erklärt.
Das kann (und wird) sich auch über den Preis lösen. Das geht nicht nur in privaten Haushalten (die Ihre Wasch- oder Spülmaschine in Schwachlastzeiten laufen lassen, also wenn der Strom billig ist). Auch in der Industrie ist das möglich: Lager für Zwischenprodukte sorgen dafür, dass diese ebenfalls in Schwachlastzeiten produziert werden können.
Der Lastabwurf bei Aluminiumhütten ist übrigens zeitlich begrenzt (m. W. auf 3 Stunden pro Tag). Die Gefahr einer ganztägigen Abschaltung besteht also überhaupt nicht.
Unter dem Titel „Die Zukunft der Energieversorgung ist das Schlüsselthema für das ChemDelta Bavaria“ diskutierten Vertreter der Initiative ChemDelta Bavaria mit Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger und dem Vorstand der Bayernwerk AG Dr. Egon Westphal und TENNET Chief Operating Officer Tim Meyerjürgens. Weitere Einzelheiten zu der Veranstaltung können dieser Pressemitteilung entnommen werden.
Von Albert Duin wird in diesem Zusammenhang ein Strombedarf von „630 TWh pro Jahr“genannt, nur für das ChemDelta.
Es ist unklar, wo diese Zahl herkommt. Der VCI (Verband der Chemischen Industrie) hat im Rahmen einer Studie einen Strombedarf für die gesamte chemische Industrie von 680 TWh ermittelt (das sind 630 TWh mehr als heute) – wohlgemerkt, in 2050.
Zum Abschluss noch ein wenig Selbstbeweihräucherung von Duin: „Wir haben dafür gesorgt, dass…“. Ja, vieles wurde bereits errreicht. Oft, weil Verbote eingeführt wurden (Beispiele: Asbest, FCKW).
So oder so lautet nun die Herausforderung, Emissionen schnellstmöglich zu eliminieren.
Zum Thema Tagebauseen: Es mag sein, dass in irgendwelchen Braunkohlegruben heute Wasser drin ist. Wo das Wasser für die restlichen Gruben herkommen soll, ist jedoch hinsichtlich der Lausitz überhaupt nicht geklärt. Für das Rheinischen Revier ist das zwar geklärt, es dauert allerdings sehr lang.
Fazit
Das Format leidet sehr darunter, das diese „Expertenrunde“ eben nicht aus Experten besteht. Daraus resultieren dann auch die aufgezeigten Falschbehauptungen, Halbwahrheiten und Ungenauigkeiten. Aber genau so erwartet man es auch von einem Stammtischgespräch, nicht wahr!?
Wie vermessen muss man eigentlich sein, um ein wissenschaftliches Thema mit Nicht-Wissenschaftlern erörtern zu wollen? Aber um eine sachliche, korrekte Darstellung und Aufklärung seines Publikums geht es Roland Tichy auch gar nicht. Sein Fokus liegt ganz offensichtlich auf dem Diskreditieren der Energiewende. Das Traurige daran: bei seiner üblichen Klientel verfängt das vermutlich sogar.
Link zum Video
Wer das YouTube-Video mit eigenen Augen sehen möchte: Bitte hier entlang.
Update vom 12. Oktober 2021
- Link zum Video ans Ende des Beitrags verschoben
- Erläuterung des Begriffs Volllaststunden eingefügt (Tooltip)
- Abschnitt „Vahrenholt versteht den CO₂-Preis nicht“ überarbeitet (verständlicher formuliert)
- Link zum BEHG
Update vom 14. Oktober 2021
- Ausführungen zu klimawandelbedingten Leistungseinschränkungen und Abschaltungen von Kernkraftwerken präzisiert
Wie steht es um unseren Planeten? Welche Bedeutung haben Kipppunkte?
Im Rahmen der TED-Konferenz hat Johan Rockström dazu einen beeindruckenden Vortrag gehalten. Hier die deutsche Übersetzung.
Es steht außer Frage, dass der Mensch in erheblichem Maße zur Klimakrise beiträgt. Dagegen müsste dringend etwas unternommen werden. Doch manche Personen und Gruppierungen wollen das gar nicht. Deshalb verzögern sie effektive Maßnahmen, wo immer dies möglich ist.
Eine Studie hat die Argumente der Verzögerer untersucht und strukturiert. Ich habe das Diagramm mit der Zusammenfassung ins Deutsche übersetzt.
Die Fachwelt ist sich einig: Batterieelektrische Autos sind über ihre gesamte Lebensdauer deutlich weniger klimaschädlich als ihre Verbrenner-Pendants. Die Reichweiten der Batterien werden immer größer, ihre Haltbarkeit immer länger.
Erst vereinzelt, in den letzten beiden Monaten aber quasi in einer „konzertierten Aktion“ kommen verschiedene Protagonisten um die Ecke, die das Gegenteil behaupten. Da sind plötzlich Dieselautos emmissionsärmer als Elektroautos, wahlweise ist auch synthetischer Kraftstoff das Allheilmittel.
Was ist da los? Und vor allem: Welchem Zweck dient das?
Die ist der erste Teil einer Beitragsreihe zum deutschen Kohleausstieg.
In diesem Beitrag geht es um die Entstehungsgeschichte und die aktuelle Situation des Kohleausstiegsgesetzes, einschließlich der Kritik daran. Außerdem beleuchtet der Artikel die Wirtschaftlichkeit von Kohlekraftwerken und zeigt auf, wie es in der Sache weitergehen könnte.


