Bauer Karl und die spanische Gurke

Zuletzt aktua­li­siert am 7. August 2020 durch Jür­gen Voskuhl

Der nach­fol­gen­de Text wird der­zeit von meh­re­ren Usern auf Face­book geteilt. Es geht um Glo­ba­li­sie­rung, Kon­zern­lob­by­is­mus und unse­re „Geiz ist geil”-Mentalität.
Da er für mich abso­lut in die Kate­go­rie „lesens­wert” gehört, ver­öf­fent­li­che ich ihn hier.

Globalisierung - Konzernlobbyismus

Bau­er Karl geht in den Gemü­se­gar­ten, pflückt sich eine fri­sche Gur­ke und isst sie mit Genuss.

So war es viel­leicht ein­mal. Heu­te ist es so:

Fritz, der Sach­be­ar­bei­ter eines Ein­zel­han­dels­kon­zerns, der einem ame­ri­ka­ni­schen Finanz­in­ves­tor gehört, hat durch Com­pu­ter­re­cher­che her­aus­ge­fun­den, dass in Spa­ni­en gera­de die Gur­ken reif und beson­ders güns­tig sind. Nach­dem er die Zustim­mung sei­ner Che­fin San­dra ein­ge­holt hat, ordert er 50.000 Gur­ken auf einer Gemü­se­farm in der Nähe von Sevil­la, die einem fran­zö­si­schen Agrar­kon­zern gehört.

Dafür, dass auf den Fel­dern nur Gur­ken wach­sen, sorgt ein Unkraut­ver­nich­tungs­mit­tel, dass von einem deut­schen Che­mie­kon­zern pro­du­ziert wird. Es kos­tet nicht viel, die Fabrik ist in Mexi­ko. Es ist aller­dings nicht beson­ders gesund. Das merkt Nel­son, der die Gur­ken ern­tet. Er hus­tet viel in letz­ter Zeit. Nel­son ist ein Flücht­ling aus Afri­ka, der ille­gal auf der Farm arbei­tet. Er lebt in einer Bara­cke neben den Gewächs­häu­sern. Des­halb kos­tet das Ern­ten der Gur­ken nicht viel.

Bevor die Gur­ken ver­la­den wer­den, wer­den sie mit einer luft­dich­ten Plas­tik­fo­lie über­zo­gen. Die Foli­en stam­men von einer mit­tel­gro­ßen Che­mie­fa­brik bei Erfurt. Sie kos­tet nicht viel, die Pro­duk­ti­on ist voll auto­ma­ti­siert und wird nur noch von einem Men­schen, dem Mecha­tro­ni­ker Maik, gesteuert.

Ein Last­wa­gen der ita­lie­ni­schen Fir­ma Ive­co, die der „Fiat Indus­tri­al“ gehört, die wie­der­um einer inter­na­tio­na­len Hol­ding­ge­sell­schaft gehört, trans­por­tiert die Gur­ken nach Deutschland.
Der Trans­port kos­tet nicht viel. Der Die­sel wird steu­er­lich sub­ven­tio­niert und der Fah­rer, Muza­fer, stammt aus Alba­ni­en. Er lebt die meis­te Zeit in dem LKW und fährt nur im Urlaub zu sei­ner Fami­lie nach Hause. 

Er fährt die Gur­ken zur Logis­tik­zen­tra­le des Kon­zerns in Her­ford. Das Lagern kos­tet dort nicht viel, die Stadt hat das Grund­stück prak­tisch umsonst an den Kon­zern abge­ge­ben. Sie war scharf auf die Gewerbesteuer. 

Von Her­ford aus wer­den die Gur­ken an die Läden ver­teilt. Die Ver­tei­lung der Waren auf die LKW steu­ert ein Com­pu­ter, er hat kei­nen Namen. Der Fah­rer Janosz des LKW, in den unse­re Gur­ke jetzt ver­la­den wird, ist aus Polen. Er lebt den größ­ten Teil des Jah­res in sei­nem LKW…

Unse­re Gur­ke lan­det bei einem Dis­coun­ter in Uslar. Die Ver­tei­lung über­nimmt Ste­fan. Er war als Anla­gen­bau­er in einer Fir­ma beschäf­tigt, die Solar­an­la­gen pro­du­zier­te. Die wer­den jetzt aus Chi­na impor­tiert, des­we­gen ist Ste­fan seit eini­ger Zeit arbeits­los und ist in dem Laden im Rah­men einer AB – Maß­nah­me tätig. Er kos­tet sei­nen Arbeit­ge­ber nicht viel.

Irgend­wann kommt der Bau­er Karl in den Laden. Er hat kei­ne Zeit mehr, Gur­ken zu ern­ten. Er pro­du­ziert jetzt Mais für Bio­treib­stoff. Er tut das sehr ratio­nell unter Ein­satz von viel Che­mie, Gül­le und Maschi­nen und sitzt den gan­zen Tag auf dem Tre­cker. Des­halb kos­tet der Bio­sprit nicht viel.

Zuhau­se zieht Karl die Plas­tik­fo­lie von der Gur­ke ab und wirft die Folie in den Müll. Die Gur­ke ist jetzt acht Tage unter­wegs. Sie sieht durch die Folie noch knack­frisch aus, ent­hält aber kei­ne Vit­ami­ne mehr. Die Gur­ke schmeckt fade.

Epilog

Zwei­hun­dert Jah­re spä­ter fliegt Karls Urur­ur­ur­en­kel an einem Strand eine dün­ne Plas­tik­fo­lie ins Gesicht. Was er nicht weiß: Es ist die Folie von Karls Gur­ke. Der Abfall­ent­sor­ger hat­te den Müll zum Recy­cling nach Ban­gla­desch expor­tiert, er lan­de­te dort auf einer Depo­nie am Meer… Aber das ist eine ande­re Geschichte.